Segel, Sintflut, Sinnfrage — eine Replik

Azund­ris fasst in einem Blogartikel zusammen was sie mir in den vergangenen Wochen immer wieder über IRC zu erklären versucht. Ver­sucht nicht etwas aus ihrem Unver­mö­gen es mir ver­ständ­lich zu machen, son­dern aus mei­nem Unver­mö­gen die­ses zu akzep­tie­ren. Wir dis­ku­tie­ren das Thema schon län­ger und auch recht lei­den­schaft­lich, haben uns bis­lang aber maxi­mal nur dar­auf eini­gen kön­nen, dass wir uns unei­nig sind. (Das mag auch dem Medium geschul­det sein: IRC ist häu­fig einer Dis­kus­sion am Bart­re­sen nicht unähn­lich: Man äus­sert zwar ganze Sätze, aber der andere will auch immer noch was sagen, und gleich­zei­tig ver­folgt man noch drei andere Unter­hal­tun­gen.)

Nun liegt ihre Argu­men­ta­tion in sozu­sa­gen kom­plet­ter und kon­ser­vier­ter Form vor, einem Blo­g­ar­ti­kel, und ich will in eben­sol­cher antworten.

Azund­ris hat grund­sätz­li­che Pro­bleme mit der „Bloss nix zensieren“-Haltung der Pira­ten­par­tei, und zwar aus einem auf den ers­ten Blick ein­leuch­ten­dem Grund:

Das Pro­blem ist, dass die Pira­ten gleich­zei­tig „inter­net“ und „Deutsch­land“ sein wol­len. D.h. wenn Du Dich in .de befin­dest, hast Du alle Ein­schrän­kun­gen die das lokale Recht mit sich bringt, aber gleich­zei­tig auch alle Nach­teile dar­aus, dass andere sich nicht daran hal­ten müs­sen. Du arbei­test zu unglei­chen Bedin­gun­gen. Will ich eine Par­tei, die für Unge­rech­tig­keit eintritt?

Sei beru­higt Katze, nie­mand will das. Sicher­lich auch nicht die Pira­ten­par­tei. Aller­dings sind sich gleich­zei­tig nur sehr wenige (und hier meine ich nicht nur die Leute aus dem Dunst­kreis der Pira­ten­par­tei) der Bedeu­tung die­ser For­de­run­gen („Bloss nix zen­sie­ren“) bewusst. Ich hole mal ein wenig aus:

Das Inter­net ist nun ein­mal der große Infor­ma­ti­ons­gleich­ma­cher. Der „Rechte-light“ Raum, wie Azund­ris es nennt. Es fin­den sich dort Per­len der Weis­heit gleich neben übel­rie­chen­dem Mist. Und noch kom­pli­zier­ter dabei: Was dem einen Staat die Perle, ist dem ande­ren Land der Misthaufen.

Und da nun jeder Staat diese Sachen anders hand­habt, haben wir die von Azund­ris mokierte Unge­rech­tig­keit. Die haben wir übri­gens jetzt schon. Sie wird, genau genom­men, sogar noch grö­ßer, wenn wir tech­ni­sche Metho­den für Län­der­gren­zen im Inter­net ein­bauen: Momen­tan darf ich Land A Dinge ein­stel­len, in Land B aber nicht. Aber ich kann sowohl in A wie auch in B diese Infor­ma­tion abru­fen, sobald sie ein­mal ein­ge­stellt ist.

Baue ich aber besagte Län­der­gren­zen ein, sind die Leute in Land B geknif­fen: Sie dür­fen die Inhalte nicht ein­mal mehr abru­fen. Gut, die Inhalte sind in Land B ja eh ille­gal mag man jetzt ein­wen­den, brave Bür­ger aus Land B sol­len sich mit sowas gefäl­ligst nicht abgeben.

Und jetzt wirds knif­fe­lig: Han­delt es sich bei die­sen Inhal­ten um Kin­der­por­no­gra­phie, wird nie­mand ernst­haft etwas dage­gen ein­wen­den. Ist es Nazi­pro­pa­ganda, wird der Kreis der­je­ni­gen, die einer Fil­te­rung zustim­men schon etwas klei­ner. Bei „nor­ma­ler“ Por­no­gra­phie wahr­schein­lich sogar noch klei­ner. Will ich „Anlei­tun­gen zur erfolg­rei­chen Emp­fäng­nis­ver­hü­tung“ sper­ren las­sen, stim­men wahr­schein­lich nur noch ein paar erz­kon­ser­va­tive Reli­gi­ons­an­füh­rer zu.

Das ist also der Stand der Dinge: Wir haben unter­schied­lichste Wertvorstellungen über Ländergrenzen hinweg, und ein Medium, dass diese ein­reißt. Inter­es­san­ter­weise haben wir aber auch unter­schied­lichste Wert­vor­stel­lun­gen inner­halb der Län­der­gren­zen. Was dem katho­li­schen Kar­di­nal eine Tod­sünde ist, fin­den die Jungs im Dar­kroom nebenan wahr­schein­lich ganz normal.

Des­we­gen bin ich per­sön­lich was die Mei­nungs­frei­heit angeht tat­säch­lich eher für den „Rechte-light“-Raum: Es tut mir zwar weh, wenn ich hate-speech, Nazi­pro­pa­ganda oder ande­res wider­wär­ti­ges Zeug im Inter­net sehe, aber ich nehme das in Kauf. Um eben das, aus mei­ner Sicht, sehr hohe Gut der Mei­nungs­frei­heit hoch­zu­hal­ten, und weil ich weiß, daß es zu viele unter­schied­li­che Wer­te­ka­nons gibt, und man sich welt­weit sicher nur auf ein sehr klei­nes Sub­set davon eini­gen kann.

Damit bin ich wahr­schein­lich schon deut­lich weni­ger „deutsch“ und deut­lich mehr „US-amerikanisch“ — auch wenn ich den­noch die 2nd Amend­ment für nicht mehr zeit­ge­mäß halte. Ich denke, kein Mensch muss sich und seine Ansich­ten mit der Waffe ver­tei­di­gen kön­nen, nur weil der Staat die Äus­se­rung einer Gegen­mei­nung zulässt. (Ein Staat kann und muss viel tun um die Kör­per sei­ner Bür­ger schüt­zen, und in gewis­sen Rah­men auch deren psy­cho­lo­gi­sche Gesund­heit. Aber auch der Staat kann sich nicht für deren Gedan­ken und Emo­tio­nen ver­ant­wort­lich machen. )

Im Gegen­teil, es ist meine Über­zeu­gung daß nur der Basaar des freien Mei­nungs­aus­tau­sches uns lang­fris­tig in eine bes­sere und gleich­be­rech­tigte Gesell­schaft füh­ren kann. Was bringt es, Mei­nung A zu unter­drü­cken, unter Ver­bot zu stel­len, und sie aus­zu­blen­den? Ich bekomme sie damit nicht aus den Köp­fen her­aus, egal wie falsch sie ist.

Das Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung zwingt die Gesell­schaft als sol­che hin­zu­se­hen und sich mit den Pro­ble­men aus­ein­an­der­zu­set­zen. Das ist häu­fig nicht schön, aber eben not­wen­dig. Ande­rer­seit hat gerade das Inter­net dafür gesorgt, dass unglaub­lich viele Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bar­rie­ren ein­ge­ris­sen wur­den, dass sehr viele Men­schen auch posi­tive Kon­takte zu völ­lig frem­den Per­so­nen auf der ande­ren Seite des Glo­bus haben. „Hass“ zwi­schen Natio­nen wird unter sol­chen Ein­flüs­sen hof­fent­lich über kurz oder lang verschwinden.

Zumin­dest ich, und ich hoffe viele mei­ner Par­tei­kol­le­gen eben­falls, will gar nicht „Inter­net“ und „Deutsch­land“ gleich­zei­tig sein. Ich möchte ein wenig mehr „Inter­net“ nach Deutsch­land brin­gen, in der Hoff­nung die­ses damit (in mei­nen Augen) posi­tiv ver­än­dern zu kön­nen. Dabei ist es durch­aus mög­lich, daß einige der per Gesetz fest­ge­schrie­be­nen Werte der Enti­tät „Deutsch­land“ auf der Stre­cke blei­ben. Dafür neh­men wir viel­leich andere, uni­ver­sel­lere auf und behan­deln sie dann auch bes­ser, anstatt sie wie bis­lang als Aus­rede für wirt­schaft­li­che Inter­es­sen zu miss­brau­chen. (Dis­clai­mer: Ich unter­stelle der Katze nicht, ihre eige­nen Werte so zu behan­deln. Sie ist da nach mei­nem Kennt­nis­stand ziem­lich gera­de­aus und mora­lisch kom­pro­miss­los (Dis­clai­mer: Das war als Kom­pli­ment gedacht :) ))

2 Kommentare

  • Ob der Erz­bi­schof oder die gays einer Äuße­rung oder einem Wert im Ein­zel­fall irgendwo zustim­men oder nicht, ist Pri­vat­ver­gnü­gen. Die Frage ist, ob es sich um lega­len Mei­nungs­aus­druck handelt.

    Man kann jetzt zwei Wege gehen.

    Ent­we­der sagt man, „Wir haben uns als Volk auf diese Werte geei­nigt und wer­den sie an der Grenze schüt­zen,“ das wird aber tech­nisch schwierig.

    Oder man sagt, „Wir kön­nen das nicht schüt­zen und erklä­ren mora­li­schen Bank­rott“ oder „Wir wol­len das nicht schüt­zen, und erklä­ren die Rechts­tra­di­tion für Blöd­sinn bzw. ver­al­tet.“ Dann ist aber „Netz“ ver­mut­lich die kom­plett fal­sche Dis­kus­sion, und man muss statt­des­sen die ent­spre­chen­den Straf­tat­be­stände auf­wei­chen bzw. ganz ent­fer­nen — wenn die weg sind, gibt es *auch* im inet damit keine Pro­bleme mehr.

    Dann wie­derum ist es aber inter­es­sant, dass man den Bodo geschasst hat. ;)

    Ansons­ten ist es auch nicht meine Absicht, meine „Mei­nung mit der Waffe zu schüt­zen“ (WTH?), son­dern meine kör­per­li­che Unver­sehrt­heit, bit­te­dan­ke­schön. Wenn Du die Nazis usw. wie­der zuge­las­sen hast. (Das ist ja letzt­lich eine Kon­se­quenz von „keine Äuße­run­gen verbieten.“)

    Ist der Dis­kurs in den USA also freier? Ist er auch *bes­ser*? Dem Umgangs­ton sowie der Tat­sa­che dass viele der The­men in Europa eigent­lich schon seit Jahr­zehn­ten vom Tisch sind (oder zumin­dest waren) geschul­det würde ich mal sagen: nein, der Gesprächs­kul­tur­punkt geht klar an Nord­eu­ropa. Wie kann es sein, dass der „Markt­platz der Ideen“ so versagt?

    Und da war „Gott hat aber gesagt“ als Totschlag-Argument #1 noch gar nicht mal unbe­dingt drin.

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