Bedingungsloses Grundeinkommen?

Das Thema kocht ja in der Piratenpartei immer wieder mal hoch, es wird leidenschaftlich über die Machbarkeit und Konsequenzen gestritten. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, kurz BGE, setzt aber einen grundlegend neuen Gesellschaftsvertrag voraus:

Unter BGE-Bedingungen wird Arbeit nicht geleistet um den Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wird geleistet, um sich von der Masse abzuheben, um der Gesellschaft etwas zu geben, um sich selbst zu verwirklichen, whatever.Nicht aber um die eigenen Grundbedürfnisse zu befriedigen, die werden einem quasi „geschenkt“.

Zusätzlich stellt das BGE auch die klassische Lohnleiter auf den Kopf: Heutzutage werden Berufe und Positionen die interessant sind und auch viel Macht verleihen, also an sich schon denjenigen „belohnen“, der sie ausfüllt, zusätzlich stark monetär entlohnt. Zugleich sind diese
Positionen rar gesät, es gibt mehr Interessenten für diese als verfügbare Stellen.

Nach den Gesetzmäßigkeiten von Angebot und Nachfrage müssten diese Jobs eigentlich einen recht niedrigen Lohn zahlen — (niedriges Angebot an Jobs, hohe Nachfrage seitens der Bewerber. Oder eben auch: Hohes Angebot an Bewerbern, niedrige Nachfrage seitens der offenen Positionen).

(vereinfacht lasse ich hier einmal den Ansatz „viel Verantwortung/Hohes Risiko == hohes Salär“ aussen vor. Zumal das Risiko das viele
Führungspositionen tatsächlich haben über die Jahre eher gesunken ist, Stichwort „goldener Fallschirm“)

Im Bereich der „dreckigen“ Jobs siehts genau anders aus: Diese Berufe sind gesellschaftlich notwendig, sind nicht sonderlich beliebt (und daher nicht die erste Berufswahl). Dennoch kommt hier Spott zum Schaden: Sie sind hart UND schlecht bezahlt. Wiederum nach reiner Marktwirtschaftslehre eigentlich seltsam.

Mit Einführung eines BGE wird diese Sache nach Marktwirtschaftslogik endlich vom Kopf auf die Füße gestellt: Die wirklich gesellschaftlich
wichtigen Aufgaben, solche die unsere Infrastruktur und unser Funktionieren sichern müssten überproportional gut bezahlt werden, um
sicherzustellen, dass genügend Personal für diese zur Verfügung steht.

Gesellschaftlich „überflüssige“ Tätigkeiten, also solche die nur den direkten Auftraggeber bereichern, sonst aber keinen gesamtgesellschaftlichen Beitrag leisten fallen dabei unweigerlich ab. So ein Gesellschaftskonstrukt muss uns zwangsläufig erst einmal unsagbar
dysfunktional und seltsam vorkommen, es widerspricht unserer intuitiven Lebenserfahrung.

Die Idee ist also zutiefst utopisch, im klassischen Wortsinn.

Nur wenn wir uns darüber klar werden, welche Reichweite ein Konzept wie das BGE wirklich hat, kann man ernsthaft darüber diskutieren. Dann sollte man aber auch langfristig über alternative Wertsysteme nachdenken, man google zum Beispiel mal nach Whuffie.

6 Gedanken zu „Bedingungsloses Grundeinkommen?

  1. Anders“ bedeutet aber nicht zwangläufig „schlecht“.
    Und wenn der Müllmann den Müll nicht abholt, dann ist es tatsächlich schlimmer, als würde ein weiterer Banker die Rendite irgendeiner Bank nicht um 0,1 Prozentpünktchen erhöhen.

  2. Die Reichweite des Konzepts „BGE“ ist aber auch im Negativen vorhanden- um so viel Geld (im Grunde unnötig) umzuverteilen, braucht man hohe Steuern, und damit steigt der Anreiz zur Steuerhinterziehung.

    Warum nicht stattdessen einfach das ALG2 auf ein höheres Niveau erhöhen und die ganzen „Fördern und Fordern“-Schikanierungsmechanismen ersatzlos streichen? Warum begnügen wir uns bei Bedürftigen statt all der Formulare nicht einfach mit einer Eidesstattlichen Erklärung „Ich verdiene sonst nichts und wenn mal doch, geb ich Bescheid“?

  3. Ein Sozialstaat muss dem Einzelnen ermöglichen etwas aus sich zu machen.

    Das heißt in den wichtigen Bereichen die Infrastruktur zu gewährleisten: Gesundheit, Nahrungsmittel, Wohnungsbestand, Bildung, Verkehr etc. dafür sorgen, dass jeder, wirklich JEDER, Zugang hat.

    Man könnte auch sagen, der Staat hat die originäre Aufgabe Armut zu verhindern: materiell, geistig und moralisch!

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