Johann Losa, der Priestersohn

OK, das ist ein alter Text, aber ich mag ihn immer noch…

Die Ankunft im Tempel

Isak Herb war gerade bei seinem abendlichem Rundgang durch den Haupttempel. Er war froh, daß die meisten Akolyten, die um diese Zeit unterwegs waren ihn ohne seine Zeremonienroben nicht erkannten. So war er wenigstens für ein paar Stunden ungestört, und konnte seinen Gedanken nachgehen. In Augenblicken wie diesen war er sogar mit den Göttern im Reinen.

„Mit den Göttern im Reinen, welch unschickliche Gedanken für den Obersten Künder des Kultes…“ schalt Isak sich schmunzelnd. Wo doch der Kult es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Welt davon zu überzeugen, daß die Götter zu nichts nutze seien.

Überrascht hielt er inne. Da mischte sich doch ein leises Weinen in die Abendgesänge! Isak sah sich verwundert nach der Quelle des Weinens um. In der Nähe des Tores entdeckte er dann einen kleinen Jungen. Er saß im Schatten der großen Torflügel. Isak fand, daß der Junge in seiner schmutzigen Tunika, den zerschlissenen Sandalen einen erbarmenswerten Eindruck machte.

„Heh Kleiner!“ Erschrocken riß der Junge den Kopf hoch. Als er den Künder sah, beeilte er sich auf die Füße zu kommen, und wollte gerade wegstolpern, als Isak ihm an der Schulter festhielt.

„Keine Angst, ich tu Dir nichts.“ Er drehte den Jungen zu sich herum, damit er ihn ansehen konnte. Die Augen sahen aus, als ob der Arme seit Stunden geweint hätte.

„Wie heißt Du? Wo kommst Du her?“ Isak merkte, wie sich der Junge unter seinen Händen verkrampfte. „Komm erst mal herein, Du hast bestimmt Hunger.“ Sanft schob er den Jungen, der wenig Widerstand bot, in den Tempelhof. Dabei bemerkte er die Stickerei auf der Tunika. Wie seltsam: Das Zeichen eines Magmos-Priesters! „Der Kleine ist bestimmt ausgerissen. Was mag dieses Priesterkind bloß zum Haupttempel des Kultes verschlagen haben?“ dachte Isak Herb sich. „Am besten wir lassen Ihn erst einmal zu Kräften kommen.“

Er winkte einen Tempeldiener herbei.

„Bringt etwas Stärkendes für mich und meinen Freund in meine Kammer.“

„Sofort, Oberster Künder!“ antwortete der Diener prompt, ein Knappe der Bruderschaft des Schwertes, wie Isak zur Kenntnis nahm.

So kam es, daß der kleine Johann Losa, entlaufener Sohn eines Magmos-Priesters, in den Tempel des Kultes der Neun Altare aufgenommen wurde.

Isak Herb persönlich kümmerte sich darum, daß Johann in die Ausbildung für die Bruderschaft des Ringes aufgenommen wurde.

Ein Entschluß den er später bereuen würde.

In der Ausbildung

„Ich selbst war früher Priester.“ Uhar sah in die erstaunten Gesichter der Kinder. „Wirklich, vor über 20 Jahren war ich ein glühender Anhänger Renurs, dem Gott des Schmiedefeuers. Ich habe Tag und Nacht gebetet. Ich habe die Herzen meiner Gemeinde mit Feuer erfüllt. Ich bat jeden Tag aufs neue, daß Renur uns bei unseren Sorgen zur Seite steht.“

Uhar lächelte, als er sich an die Vergangenheit erinnerte. Wie Dumm das Ganze heute auf ihn wirkte.

„Aber ich habe eines Tages erkannt, daß das Schmiedefeuer auch ohne Renurs Hilfe brannte. Und, daß Renur eigentlich kaum irgend etwas tat, daß eine Verehrung rechtfertigte. Meine Arbeit bestand hauptsächlich darin, die Leute dazu zu bringen etwas zu tun. Und wenn alles geglückt war, lag das nicht an dem Fleiß der Arbeiter, sondern an Renur. Ich merkte, wie die Leute um den Lohn ihrer Arbeit betrogen wurden.“

„Seht ihr Kinder, das ist das wahre Wesen der Götter: Einfach nur dazusein, und angebetet zu werden. Sie tun nichts, was diese Anbetung rechtfertigt.“

„Meister Uhar! Ich habe eine Frage!“ Johann hielt es nicht länger. Er war nun schon einige Jahre hier im Kult, und wie immer verfolgte er den Unterricht auf seine eigene Weise.

Auf ein Nicken Uhars sprudelte er los: „Ist nicht auch so, daß schon allein durch die Anwesenheit von Göttern die Menschen inspiriert werden? Daß die Menschen mehr zu leisten vermögen, weil es etwas gibt, was sie aufrecht hält?“

„Das ist eine gute Frage.“ Uhar musterte den Jungen. Wie war sein Name noch? Das war doch dieser Priestersohn. „Natürlich sind Götter zu so etwas imstande. Aber reicht das, um eine Anbetung zu verdienen? Natürlich nicht! Ein Gott hat fast unbeschränkte Macht. Er ist schon dadurch, daß er sie besitzt, moralisch dazu verpflichtet, diese zu einem guten Zweck einzusetzen! Wenn er es nicht tut, verliert er jedes Recht dazu, daß man ihn verehrt.“ Uhar wollte, zufrieden über diese Lektion, zum nächstem Thema übergehen, als Johann nachhakte:

„Und was ist, wenn der Gott seine Gründe hat? Gründe, die er uns nicht nennen kann?“

„Was könnte ein Gott schon für Gründe haben, eine Frau mit ihren Kindern in einem Haus verbrennen zu lassen?“ fuhr der Lehrmeister Johann unerwartet scharf an. „Was könnte das Leben von 3 Unschuldigen rechtfertigen? Kannst Du mir das vielleicht sagen? Priestersohn?“ Dieses letzte Wort spuckte Uhar fast aus, und Johann hielt es für klug fürs Erste dieses Thema nicht mehr anzuschneiden.

Der Gott

„Komm, wir schauen uns den Gott an!“ Johann zog seinen Freund Oidar den Gang hinunter. Die beiden ungleichen Jungen eilten auf einen der großen Türme zur Straße zu. Der eine, Oidar war schon 2 Jahre im Tempel. Er war groß, kräftig, und häufig in Raufereien verwickelt. Johann war beinahe das Gegenteil: Zwar auch schon groß für sein Alter, aber ansonsten eher schmächtig. Er war etwas länger als Oidar im Kult, war aber längst nicht so ein fanatischer Anhänger wie sein großer Freund. Meistens mußte Oidar für Johann eintreten, wenn dieser sich mit seinen Bemerkungen bei seinen Altersgenossen wieder einmal Feinde gemacht hatte..

Von dem Turm, den die Beiden erklommen hatten, hatte man eine prächtigen Blick auf die Hauptstraße, die voll mit Menschen, Orks und vereinzelt sogar Obsidianern war. Denn dieser Tag war ein Festtag, und sogar einer der Götter hatte den Priestern sein Kommen angekündigt.

Angestrengt hielten die beiden Jungen Ausschau nach ersten Anzeichen einer göttlichen Erscheinung. Der scharfäugige Johann war der erste, der ausrief: „Da! Da ist er! Es ist Leritar“

Ehrfürchtig schauten beide schweigend der Prozession zu. Beide suchten gleichermaßen nach Worten um zu beschreiben was sie sahen. Schließlich war das doch irgendwie ‚der Feind‘, der da so durch Catara marschierte.

Grubmah Oidar hielt es nicht länger aus: „Er sieht wundervoll aus!“ brach es aus ihm hervor.

„Er ist ein Gott!“ erwiderte Johann Priestersohn, als ob das als Erklärung ausreichen würde. „Er hat unermeßliche Macht, und strahlt diese natürlich auch aus, und beeindruckt die Leute damit.“

„Ja!“ beeilte Oidar sich zu sagen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. „Er verschwendet diese Macht anstatt sie für sinnvolle Dinge zu verwenden, den Menschen zu helfen. Wieviel Gutes könnte er inzwischen tun!“

„Und uns dabei völlig von sich abhängig machen.“ ‚dachte Johann bei sich. „Was wären wir denn, wenn die Götter uns jede Pein abnehmen würden, uns bei allem helfen würden.“ Verbittert beantwortete er sich seine eigene Frage: „Wir würden alle unsere Fähigkeiten verlernen, wären völlig von den Göttern abhängig. Bei jedem Wehwehchen würden wir nach den Göttern schreien. Nein, die Götter handeln weise wenn sie uns nicht helfen.“ Aber solche Gedanken behielt Johann lieber bei sich, hier in der Hochburg derer, die die Götter genau deswegen verachteten.

Der Alltag

„He! Priestersohn!“

Die Stimme klang nur allzu vertraut für Johann. Sie klang nach Ärger, für ihn, wie für Oidar.

„He! Priestersohn, ich rede mit Dir!“ Panna Sonn, der älteste Junge aus Johanns Schlafsaal baute sich breitbeinig vor ihm auf. „Du hast die Stunde mal wieder endlos herausgezögert mit Deinen Fragen.“

„Na und? Du hörst doch eh nie zu.“ entgegnete Johann. „Was macht es Dir dann aus, wie lange der alte Uhar und ich über das Wesen der Götter streiten.“

„Ich habe deswegen das Hunderennen verpaßt! Was soll das eigentlich immer? Priestersohn! Was willst Du hier noch!“ Panna stieß Johann herausfordernd an. „Man glaubt ja fast, du magst die Götter!“

„Soll ich Dir jetzt einen Vortrag darüber halten, warum Meister Uhar mit seiner Ansicht über die Götter falsch liegt, und ich sie trotzdem nicht leiden kann? Meinst Du, Du würdest das auch nur annähernd verstehen?“

„Hältst Du mich etwa für Dumm?“ Wieder stieß Panna Johann. „Willst Du Dich mit mir anlegen?“

„Wer will sich mit wen anlegen?“ grollte eine Stimme von der Tür her. Oidar war mal wieder genau im richtigen Moment gekommen, dachte Johann erleichtert. Aber irgendwie störte es ihn auch, daß Oidar sich immer einmischen würde.

„Niemand, Oidar. Ich glaube die Sache ist erledigt, außer Panna möchte noch etwas sagen.“

Nicht einmal Panna wagte es, sich mit Oidar anzulegen. Er murmelte etwas wie „isschongutwarnurspass“ und verschwand durch die Tür, aber nicht ohne Johann noch einen warnenden Blick zuzuwerfen.

Die Aufgabe

„Endlich mal eine richtige Aufgabe!“ freute sich Oidar als die beiden Freunde außer Sicht der Stadtmauern waren. „Stell Dir vor wem wir alles begegnen könnten: Rittern, Abenteurern, — weit gereisten Gelehrten!“ fügte er mit einem Grinsen zu Johann hinzu, der sich meistens nicht so für Helden begeistern konnte.

„Oder nur einem Orkbauern, der nicht vorsichtig genug war, und nicht einmal unsere Sprache spricht.“ dämpfte Johann den Eifer seines Freundes.

Die beiden waren von Bruder Uram ausgeschickt worden, die Gegend um den Eichenhügel zu beobachten. Aus dieser Gegend wurde schon häufiger von Reisephänomenen berichtet. „Seid auf jeden Fall vorsichtig Losa!“ hatte Uram seinen Schüler ermahnt. „Weicht dem Phänomen auf jeden Fall aus, man weiß nie, wo es einen hinträgt.“ Uram wollte lediglich eine genaue Aufzeichnung darüber, wie viele Phänomene innerhalb von 2 Wochen auftauchen können, und wo genau sie entstehen, welchen Weg sie nehmen, und so weiter. Oidar sollte darauf aufpassen, daß Johann nichts von Wölfen und ähnlichem zu befürchten hatte. Außerdem sollten die beiden sich beim Schlafen abwechseln, damit sie nicht während der Nacht überrascht würden.

Nach 4 Stunden anstrengenden Wanderns hatten sie den Eichenhügel erreicht. Da es Sommer war verzichteten sie für Heute auf das Zelt. Oidar nahm seinen Speer, und hielt Ausschau nach Wölfen, während Johann die Gegend auf einer groben Karte skizzierte. Dabei trug er gewissenhaft Orientierungspunkte ein, die es später ermöglichen sollten, alles genau wiederzufinden.

Die ersten Tage vergingen wie im Flug. Als sich aber nach der ersten Woche immer noch kein Reisephänomen gezeigt hatte, begann es für die beiden allmählich langweilig zu werden. Es schien, als ob die ganze Sache nie zu enden schien. Grubmah Oidar vertrieb sich die Zeit so gut es ging mit Waffenübungen. Für Johann gab es in der Wildnis allerdings herzlich wenig zu tun, und vom Schlafen im Freien tat ihm allmählich der Rücken weh.

Er beschloß zuletzt die weitere Umgebung zu erkunden, für den Fall, daß seine Karte unvollständig sei. Er umrundete das kleine Wäldchen an dessen Rand sie ihr Lager hatten. Von der Rückseite wollte er dann durch den Wald wieder zum Zelt zurück.

Er war kaum zwanzig Schritte in den Wald hineingegangen, als ihm plötzlich bewußt wurde, daß alle Vögel verstummt waren. Während er sich umsah, bemerkte, daß die Luft vollkommen zum Stehen gekommen war, wie vor einem Sturm. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in seiner Magengrube aus. Sein Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. Plötzlich hörte er ein Brummen, was immer lauter wurde, und scheinbar von überall herkam. Das Brummen wurde heller, und plötzlich sah er es: Zwischen den Bäumen zuckte wie irr eine Lichtkugel hin und her. Sie hinterließ eine helle weiß-blaue Spur aus Licht, die sich aber schnell auflöste. Langsam dämmerte es ihm, daß diese Kugel direkt auf ihn zusteuerte. Panisch begann er zu laufen. Er meinte förmlich zu spüren, wie die immer näher kommende Kugel an ihm zerrte. Er schlug Haken, preschte durchs Unterholz, riß sich die Beine an scharfen Dornen auf, n fiel schließlich über eine Wurzel. Im Fallen konnte er sehen, wie die Kugel nur zwei Meter an ihm vorbeiraste.

Als er sich endlich aufrappelte, war die Kugel verschwunden. Johann schaute sich um. Hatte das Reisephänomen ihn mitgenommen? War er jetzt irgendwo anders gelandet? Nun er war in einem Wald, aber ein Wald sieht doch aus wie der andere. Womöglich war er am anderen Ende der Welt! Erst als er An einem herunterhängendem Ast sein Notizbuch hängen sah, wußte er mit Gewißheit, daß er noch in dem selben Wald wie vorher war. Eifrig notierte er sich alle Einzelheiten dieser Begegnung. Erst als er aufschrieb, wie die Kugel an ihm vorbei Richtung Zelt gerast war, fiel ihm sein Freund ein! Oidar! War er vielleicht verschwunden?

Sich Vorwürfe machend, eilte Johann durch den Wald. Wie konnte er nur seinen Freund vergessen. Er erreichte das Zelt und fand erleichtert seinen Freund am Lagerfeuer sitzen. Und nicht nur ihn. Neben Oidar saß noch jemand. Es war ein Mädchen! „Ob sie wohl durch das Reisephänomen hierhergekommen ist?“, fragte Johann sich. „Hoffentlich spricht sie unsere Sprache.“

„Ah, Johann! Das ist Anure, sie ist auf ihrer Reise zum Tempel!“ rief Oidar ihm zu, als er ihn bemerkte.

Sich plötzlich unheimlich blöd vorkommend stakste Johann auf die beiden zu. „Hallo Anure, freut mich dich kennenzulernen.“ brachte er endlich hervor und streckte die Hand aus.

Das Mädchen sah ihn aus großen blauen Augen an, während sie zögernd seine Hand ergriff. Auch Oidar starrte ihn so komisch an. Da fiel Johann plötzlich ein, wie er aussehen mußte! Er sah an sich herunter. Seine Beine waren aufgekratzt und schmutzig, seine Tunika mit dem Kultsymbol war zerrissen und hatte mehrere dunkle Flecken!

„Ich hab eines gesehen! Oidar! Ich habe wirklich eines gesehen, es war groß und hell, und es kam direkt auf mich zu! Oidar, es war wunderschön, und, es hat gebrummt! Und alle Vögel waren still! Und…“ auf einmal brach es alles aus ihm hervor. Er erzählte die ganze Geschichte, zeigte stolz auf sein Notizbuch, auf die Karte, beschrieb Oidar den Weg des Phänomens. Es dauerte eine Weile, bis Oidar begriff, was passiert war, doch dann freute er sich genauso über den Erfolg ihres Auftrags wie Johann, und auch Anure war begeistert von der Entdeckung.

Famulus

Die nächste Zeit verbrachte Johann als Famulus von Uram. Er erledigte einen Großteil der Botenaufgaben, er säuberte das Labor, suchte für Uram bestimmte Fakten aus der Bibliothek heraus und ähnliches. Uram hatte dafür gesorgt, daß Johann nur noch wenig Unterricht bei den anderen Magiern hatte, sondern meistens in Urams Labor war. Johann bekam dadurch zwar nicht mehr viel theoretischen Unterricht, aber das wurde dadurch wieder wettgemacht, was er bei Uram an Praxis sah.

Ein Gespräch unter vier Augen

„Johann, so geht das nicht weiter!“ Uram sah seinen Schützling ernst an. „Du mußt damit aufhören andauernd die Leute zu verunsichern.“

Johann versuchte dem Blick seines Mentors auszuweichen. „Es ist nun mal so, daß ich einfach reden muß, wenn ich meine, daß Leute Unsinn sagen. Und es ist Unsinn zu sagen, daß die Götter keine Macht haben!“

„Ich weiß, Johann. Aber für die Einfacheren unter uns, ist es schwer, die Götter in Ruhe zu lassen, wenn man gleichzeitig weiß, daß sie mächtig sind. Deswegen erzählen wir dem Einfachem Volk, daß die Götter über sie keine Macht mehr haben, wenn sie dem Kult beitreten. Es ist für alle am besten so.“

„Aber!“ „Kein Aber! Johann: Ich weiß, daß Du dem Kult treu bist. Das einzige was Dich wirklich interessiert, sind Magie und Forschung. Es ehrt Dich, wenn Du versuchst so viel wie möglich über die Götter wissen zu wollen, aber hör einfach auf, das mit anderen zu besprechen, die verstehen dich nur falsch!“

Uram nahm das Blatt Pergament, daß auf seinem Arbeitstisch lag, und zerriß es. „Diese Beschwerde von Lehrmeister Uhar ist damit für mich erledigt. Aber ab sofort möchte ich keinen Ärger mehr! Schließlich habe ich Dich wegen etwas anderem rufen lassen. Es wird Zeit, daß Du jemanden kennenlernst.“ Uram stand auf, und führte Johann in sein Labor, daß an das Arbeitszimmer angegliedert war. „Stelle Dich dorthin, ich lege nur eben einen Schutzzauber über die Tür.“

Johann war verwundert. Solche Schutzzauber wurden hin und wieder gewoben. Sie waren weniger dazu da, die Tür wirklich zu verschließen. Vielmehr hielten sie Magieunkundige draußen, damit sie nicht eventuell empfindliche Rituale stören könnten. Aber der Zauber, den Uram da wob sah ganz anders aus! Er war viel dichter, und Johann hatte das Gefühl, aß dieser Zauber auch von erfahreneren Magiern nicht so leicht gebrochen werden könnte.

„Warum..“ wollte er fragen, doch Uram bedeutete ihm zu schweigen. „Du wirst das bald verstehen, aber gedulde Dich. Sie ist gleich hier.“

Asen, Meisterin der Primäressenz

Uram nahm einen unbedeutend erscheinenden Kristall vom Tisch.. „Asen, wir sind bereit!“ raunte er dem Kristall zu.

Danach wandte er sich dem Pentagramm zu, das in den Boden graviert war.

Zu Johanns Erstaunen fing das Pentagramm an zu glühen, und eine Gestalt erschien! Es war ein Drago in einer schlichten Robe ohne jegliche Symbole, der sich anscheinend hierher teleportierte. Johann hatte schon von dem magischen Vorgang der Teleportation gehört, aber es noch nie sehen können.

Uram umarmte das Echsenwesen, das nun aus dem Kreis trat. Erst jetzt fiel es Johann auf, daß Uram auch eine solche Robe trug, und nicht etwa die eines Kultmagiers! Johann wurde neugierig. Er hatte noch nie einen Drago aus dieser Nähe gesehen, und die Umstände dieses Treffens waren seltsam genug.

„Asen,“ (ein weiblicher Dragoname, fiel es Johann ein) „es tut gut, Dich wieder einmal im Arm zu halten!“ Die Drago kicherte zischelnd. „Ja, diese mentale Kommunikation ist zwar diskret, aber hin und wieder möchte man sich doch einmal sehen.“ Sie wandte sich Johann zu. „Und das ist der junge Mann, von dem Du behauptest, daß er das Potential hätte?“ Langsam musterte sie Johann, und er fühlte sich, als ob sie in den Grund seiner Seele sah. „Ja, Du hast recht. Johann könnte durchaus den Weg gehen, den Du für ihn vorbereitet hast. Dein Künder wäre töricht gewesen, so einen Jungen laufen zu lassen.“ Uram schmunzelte, „Es ist schon verwunderlich, daß Du ihn nicht bemerkt hast, schließlich ist er quasi unter Deiner Nase großgewachsen und dann seinem Vater weggelaufen.“

„Johann, das ist Asen, sie ist die Meisterin meines Ordens. Nicht des Ordens des Rings“, fügte er hinzu, als er Johanns fragendes Gesicht sah, „Nein, sie ist die Meisterin der Primäressenz. Wir sind ein kleiner Kreis, nicht mehr als ein paar Handvoll über ganz Catar verstreut. Wir bewahren die alte Magie, und sorgen dafür, daß sie der Welt gleichzeitig erhalten und verborgen bleibt.“

„Die alte Magie?“ Johann war verwirrt. Plötzlich wurde ihm etwas von Dingen erzählt, deren Existenz er nicht einmal geahnt hatte.

„Ja, Johann. Die Primäressenz, ist die Kraft, die uns alle speist.“ ‚erklärte Asen ihm. „Du weißt ja schon, daß es grundsätzlich drei Bereiche der Magie gibt. Hast Du Dich jemals gefragt, ob diese Bereiche nicht einen gemeinsamen Grund haben? Schließlich gibt es bestimmte Zauber in jedem Bereich.“ Sie setzte sich in einen der Stühle. „Natürlich hast Du Dich das schon gefragt. Ein jeder von uns, hat sich das schon einmal gefragt, das ist das was uns ausmacht. Johann, Du mußt wissen, daß es mehr gibt, als den Kult und die Götter, es gibt mehr, als nur die Magier, mit denen Du bisher zu tun hattest. Es gibt Kräfte, die viel größer sind, die für den einfachen Magier wirken, wie ein Feuerzauber auf einen Krieger.“

„Und das soll ich lernen?“ unterbrach Johann sie. Die Vorstellung viel mächtigere Magie zu lernen als seine Mitschüler war verlockend, er würde es ihnen zeigen, er würde ihnen beweisen, daß er mehr war, als nur ein…

„Vorsicht!“ ‚unterbrach Uram ihn. „Ich kann mir denken, was jetzt durch deinen Kopf geht. Aber so läuft das nicht! Du mußt schwören, daß Du dieses Wissen für Dich bewahrst! Diese Magie hat die Kraft, die Welt ins Unglück zu stürzen. Dieses Wissen muß zwar erhalten werden, aber nie darfst Du eigenmächtig die Zauber verraten, die wir Dir beibringen. Wir arbeiten im Verborgenen, und meistens jeder für sich. Nur selten kommen wir zusammen.“

„Uram hat recht Johann.“ ‚ergänzte Asen. „Uns eint die Essenz der Magie. Andererseits lebt jeder von uns unter anderen Masken. Große Kluften trennen uns häufig. Du mußt Dich darauf gefaßt machen, daß Du früher oder später alleine arbeiten wirst. Oh, Du wirst wie Uram und ich von Leuten umgeben sein, viele werden Dich als Magier schätzen, aber Du mußt sicherstellen, daß Du Dein Wissen nicht einfach weitergeben kannst. Nur die Meisterin oder der Meister des Ordens entscheidet, wer ausgebildet wird.“

„Aber, wenn eure Magie so mächtig ist, dann könnt ihr sie ja nie einsetzen. Ich meine, Leute werden das bemerken!“

Uram war erfreut über die Frage seines Schützlings. „Nun, es wird sich nicht verheimlichen lassen, welche Kräfte Du hast. Aber: Du darfst niemanden die Namen anderer unseres Ordens verraten. Versuche immer, die Leute glauben zu machen, daß Du nur eine Gabe hast, die Deine ansonsten normale Zauber mächtiger werden lassen. Nie, verstehst Du, nie darfst Du unsere Formeln anderen verraten. Du kannst die allgemeinen Formeln nach eigenem Gutdünken lehren, aber nie die unseren! Am besten verrätst Du nie, daß es unsere Formeln überhaupt gibt.“

„Und noch eines: Du darfst nie zugeben, daß Du Asen hier schon einmal gesehen hast. Asen ist als Meisterin der Arkanen Künste bekannt, allerdings weiß niemand von unserem Orden, geschweige denn, daß Asen dessen Großmeisterin ist. Ebenso weiß niemand von unserer Verbindung. Solltest Du also Asen irgendwo noch einmal sehen, so wirst Du so tun, als ob Du sie nicht kennst. Deine Treue muß ab sofort dem Orden der Arkanen Magie gehören, da muß sogar deine Loyalität zu dem Kult, sogar Deine Freundschaft zu Oidar hintenanstehen.“

Weitere Ausbildung

In der nun folgenden Zeit wurde Johann nicht nur in den normalen Künsten der Magie gelehrt. Uram brachte ihm zusätzlich das Wesen der Arkanen Magie bei, und die Regeln des Ordens. Asen sah er nie wieder, genauso, wie er nie andere Mitglieder dieses Ordens sah. Uram legte ihm Nahe, auch nicht weiter nach solchen zu fragen, er würde schon früh genug etwas über sie erfahren. Aber er lernte die geheimen Erkennungszeichen, an denen er andere Ordensmitglieder erkennen konnte, wenn diese es wünschten. Johanns Weltbild weitete sich, und er kam für sich zu dem Schluß, daß der Kult mit seiner allgemeinen Verteufelung der Götter falsch liegen mußte. Er ertappte sich immer häufiger dabei, daß er die Ansichten seiner Lehrer mißbilligte. Er sprach mit Uram darüber, der ihm aber immer nur denselben Rat gab: „Prüfe Dein eigenes Gewissen. Ich lehre Dich die Künste der Mag e, u d ich lehre Dich zu denken. Was Du zu denken hast, das kann ich Dir nicht vorschreiben, Du mußt mir nur versprechen, Dich an die Regeln des Ordens halten.“

Die Weihe

Die große Halle des Tempels war bis zum letzten Platz besetzt. Heute war der Tag, an dem die angehenden Zauberer zu Akolyten wurden. Sie würden in die tieferen Geheimnisse des Kultes eingeweiht werden, und werden ihre Ausbildung beenden können und dann in eine der magiekundigen Bruderschaften aufsteigen können. Es waren dieses Jahr 20 junge Magier, die den Schwur auf den Kult dieses Jahr ablegen sollten.

Trotz des frohen Anlasses war Johann nicht ganz wohl in seiner Haut. Irgendwie kam es ihm alles falsch vor. Heute sollte er den Göttern abschwören. Gerade er, als Kind eines Götterpriesters sollte als Beweis dafür dienen, daß der Kult Recht hatte. Aber etwas in ihm wollte das nicht. Er wollte nicht behaupten, daß die Götter unnütz seien. Er wollte nicht, daß die Götter verachtet werden, für etwas das eigentlich richtig war. Und vor allem wollte er nicht so benutzt werden.

Der Oberste Künder fing mit seiner Rede an. Er beschrieb, wie die einzelnen Jungen sich um den Kult verdient gemacht haben, wie sie bewiesen haben, daß sie nun bereit für die endgültige Aufnahme waren. Endgültig – dieses Wort hatte für Johann Losa Priestersohn einen erschreckenden Klang.

Dann folgte noch einmal eine Darstellung der Götter aus der Sicht des Kultes. Wie die Götter ihre Macht für selbstherrliche Dinge verausgabten, wie sie unsinnige Questen über die Sterblichen bringen, und im allgemeinen mehr stören als nützen.

Irgend etwas in Johann wehrte sich gegen diese Worte. Das war nicht das, woran er glaubte.

Isak Herb wandte sich am Schluß Johann zu.

„Dies ist Johann Priestersohn Losa! Er ist vor mehr als zehn Jahren aus dem Tempel des Magmos fortgelaufen, um sich freiwillig dem Kult anzuschließen. Ich fand ihn am Tor dieses Tempels. Er ist ein fähiger Adept der Magie, und wenn er seine vollen Fähigkeiten erlangt, würde es mich nicht wundern, wenn er eines Tages die Bruderschaft des Ringes anführen würde!“

Freundlich winkte der Oberste Künder Johann zu sich. „Und dieses Talent sollte verschwendet werden, damit er Magmos anbettelt. Und das nur, damit Grobschmiede keine eigene Mühen mehr aufbringen müssen!“

„Komm Johann Losa! Du sollst der erste sein, der den Schwur ablegt. Schwöre nun bei Deinem Leben, daß Du dem Kult immer treu sein wirst, und helfen wirst, die Götter wieder in ihre Schranken zu verweisen.“

„Nein!“ entgegnete Johann mit fester Stimme. Er hatte seine Entscheidung getroffen. „Ich werde diesen Schwur nicht ablegen, ich werde den Göttern keine Verachtung entgegenwerfen. Ich werde dem Kult nicht beitreten!“

„Was hast Du dir denn dabei gedacht?“ fuhr Isak Johann an. Dieser stand halbwegs gelassen in den Gemächern des Obersten Künders, an jeder Seite ein Paladin des Kultes. „Hast Du wirklich geglaubt, daß Du einfach so herausspazieren kannst? Danach? Nein mein Junge, so geht das nicht. Gerade von Dir hätte ich mehr Weisheit erwartet.“ Isak Herb lief unruhig auf und ab. „Wir werden morgen die Zeremonie wiederholen, und Du wirst Dich entschuldigen, bei mir und bei dem Kult.“

„Nein, Oberster Künder! Ich bin Euch für alles Dankbar, aber ich kann meinen Glauben nicht verraten. Die Götter haben ihren Platz auf dieser Welt, und ich werde sie nicht davon herunterstoßen!“ Johann schaute kurz auf die Wachen neben ihn, und machte dann einen Schritt vorwärts.

„Oberster Künder, Ihr habt mich hier freundlich aufgenommen, und habt mir die Ideale des Kultes beigebracht. Ich habe sie alle verinnerlicht, aber ich kann und will die Götter nicht verachten!“

„Und deswegen stellst Du mich vor aller Augen bloß? Deswegen trittst Du den Kult, der Dich liebevoll aufgenommen hat mit Füßen?“ Isak Herb schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Hör zu kleiner Priestersohn: Du hast die Wahl, entweder Du widerrufst morgen bei der Mittagsmesse, oder wir werden dafür sorgen, daß Du deine Magie nirgendwo anders mehr ausüben kannst. Unterschätze nicht die Reichweite des Kultes. Jede Magieakademie wird dich abweisen, jeder Fürst wird sich weigern, Dich an seinem Hof aufzunehmen. Vielleicht kannst Du ja bei den Hexern von Dalora unterkommen, wenn sie dich nicht vorher versklaven!“

Der Abschied

Wütend knallte Oidar die Tür zu!

„Wie kannst Du nur! Wie kannst Du den Obersten Künder so bloßstellen!“ Oidar breitete sich vor Johann auf, der scheinbar gelassen seinen Beutel mit Habseligkeiten füllte.

„Sieh mich an, wenn ich mit Dir rede! Was fällt Dir ein den Kult zu verraten!“

Langsam sah Johann seinen Freund an. „Den Kult verraten? Ach ja, die Ehre.“ Er schüttelte den Kopf. „Dir war ja Deine blöde Ehre immer wichtiger als alles andere. Verstehst Du nicht: Isak Herb wollte mich benutzen! Ich sollte der kleine Junge sein, der zeigt, daß die Götter nichts taugen. Aber das lasse ich nicht mit mir machen! Ich lasse mich nicht benutzen! Kannst Du das verstehen?“

„Verstehen? Der Kult hat Dir eine Zuhause gegeben. Er hat Dich freundlich aufgenommen. Er hat Dich Magie gelehrt. Und Du kannst mir nicht ernsthaft erzählen, daß Du wieder Magmos-Jünger geworden bist!“ Oidar konnte seine Wut kaum noch bezähmen. Er ballte die Hände zu Fäusten, bis die Knöchel weiß hervortraten.

„Tu doch nicht so, als ob Du erst vor zwei Stunden zu dem Schluß gekommen bist, daß Du dem Kult nicht beitreten kannst. Ich kenne Dich gut genug, damit ich weiß, daß nichts unüberlegtes tust. Du wolltest den Kult bloßstellen. Das werde ich Dir nie verzeihen.“ Mit einem letzten verächtlichem Blick stürmte Oidar aus dem Raum.

„Diesmal habe ich beim Überlegen wohl zu lange gebraucht.“, sagte Johann seinem einstigem Freund leise hinterher.

Wenig später stand Johann alleine auf der großen Hauptstraße. Die Tore des Haupttempels wurden hinter ihm mit lauten Krachen zugeschlagen. Seit über 30 Jahren standen sie für jeden offen, aber heute setzte der Künder ein Zeichen, indem er sie hinter Johann schließen ließ. Johann seufzte, nahm sein Bündel, und machte sich erst einmal auf den Weg um einen Gasthof zu suchen.

Das ganze gestaltete sich schwieriger als er sich das gedacht hatte. Sämtliche Gasthöfe, die er kannte, weigerten sich ihn aufzunehmen. Die meisten Wirte warfen ihn gleich auf der Türschwelle wieder heraus, einige erst, als er seinen Namen nannte. Meistens wurde Johann ermahnt, sich auch ja nie wieder in diesem Gasthof blicken zu lassen.

Johann dachte zwar daran, einfach in den Haupttempel der Götter zu gehen, und nach seinen Eltern zu fragen, aber irgendwie hielt er den Zeitpunkt nicht für gekommen. Er wollte erst einmal auf neutralen Gebiet bleiben, sich zunächst darüber klar werden, was er eigentlich wollte. Im Endeffekt kam er in einem kleinen Zimmer einer Pension unter.

Eine Konferenz der Magier

„Nun, wir bleiben also bei dem bisherigen Lehrplan für die Priesterschüler. Gut, das wird den meisten so gefallen.“ Zufrieden lehnte sich Meister Cedrik zurück. Er hatte auch wirklich nicht die geringste Lust, irgend etwas an diesen Lehrplänen zu verändern.

Meister Frespe, der Oberste der Essenz, schenkte sich ein Becher Wein ein. „Ach, habt ihr auch von dieser Schlappe des Kultes mit diesem Johann Losa gehört? Der junge Mann hat es doch tatsächlich fertiggebracht, den Obersten Künder bei der Hauptmesse lächerlich zu machen.“

„Davon spricht schließlich die ganze Stadt. Es kommt ja auch nicht täglich vor, daß ein junger Magier des Kultes sich weigert, den Göttern abzuschwören.“ ‚entgegnete Meister Tieden ihm. „Der arme Teufel wird jetzt wahrscheinlich durch die Stadt irren, und verzweifelt irgendwo einen Gasthof suchen.“

Zischelnd meldete sich die Vorsitzende der Gilde zu Wort: „Schade eigentlich, wo es sich doch um so einen begabten Magier handeln soll.“

„Da fällt mir etwas ein: Warum nehmen wir ihn eigentlich nicht auf? Ich meine, so einen talentierten jungen Burschen kann man doch nicht so einfach ziehen lassen. Ich als Meister der Essenz spreche mich jedenfalls dafür aus.“

Meister Cedrik begann zu grübeln. „Losa sagtet ihr? Ich hatte da mal einen Priester mit diesem Namen… Kann es sein, daß die beiden irgendwie verwandt sind?“

„Losa.. Losa… Das war doch dieser unglückliche Priester, der vor Jahren in diesem Orkdorf umgekommen ist, nicht wahr?“ erinnerte sich der Mentalist Tieden. „Er war doch stets auf der Suche nach seinem Sohn, der als Kind weggelaufen war.“ Tieden murmelte einen Erinnerungszauber, „Ja, sein Sohn Johann ist vor Jahren weggelaufen, und war lange nicht aufzufinden. Natürlich, das ist dieser Johann Losa!“

„Wie immer habt Ihr recht Meister Tieden!“ rief Meister Cedrik. „Ich bin dafür, daß wir diesen Mann aufnehmen, schon allein seines Vaters wegen. Und ihr Meister Tieden habt bestimmt auch nichts dagegen, damit könnten wir dem Kult einen empfindlichen Stich versetzen.“

„Das sehe ich auch so, solange unsere Vorsitzende also nichts dagegen hat…“

Zufrieden nickte die Vorsitzende und lehnte sich in ihren Stuhl zurück. Sie wußte auf welche Knöpfe sie bei diesen Männern zu drücken hatte…

Die Aufnahme

Die drei Meister saßen an einem breitem Tisch am anderen Ende des langen Raumes, als Johann endlich eingelassen wurde.

Er wußte nicht, daß ihr Entschluß eigentlich schon fest stand, sie ihn das aber nur nicht spüren lassen wollten.

Während seine Augen sich langsam an das Dämmerlicht gewöhnten musterten sie ihn eindringlich. Die Kultroben hatte er bewußt gegen schlichte Kleidung ohne jegliche Symbolik eingetauscht. Er trug weder Zeichen des Kultes, noch den Hammer Magmos oder das Zeichen eines anderen Gottes. Die Robe die er heute trug ähnelte schon stark den Roben der Arkanisten, auch wenn wahrscheinlich niemand dies erkennen würde. Äußerlich gelassen stellte er sich auf den ihm zugewiesenen Platz.

„Johann Priestersohn Losa“ eröffnete der Meister Frespe die Sitzung. „Du bittest um Aufnahme in die Magiergilde. Normalerweise würden wir jetzt Deine Fähigkeiten prüfen, und Dich, wenn Du geeignet bist, in die Gilde aufnehmen.“

Johann seufzte. Würde seine Herkunft denn jemals nicht eine Rolle spielen?

„Doch Dein Fall ist anders gelagert“ fuhr der Magier fort. „Du bist zweifelsfrei ein vielversprechender Anwender der Magie. Nicht umsonst sah der Oberste Künder Dich schon als Oberhaupt der Bruderschaft des Ringes.“

Wieder machte der Magier eine Pause. Alle drei sahen Johann eindringlich an.

„Und nun bittest Du hier um Aufnahme! Bei der Gilde!“ Eine andere Stimme durchbrach die Stille „Man fragt sich warum Du nicht gleich Priester geworden bist.“

Erst jetzt bemerkte Johann die vierte Person im Raum. Hinter den drei Meistern saß noch jemand, eine Drago, deren Stimme Johann sofort erkannte.

„Warum hast Du den Kult verlassen, kleiner Priestersohn? Warum diese plötzliche Rückkehr zum Glauben?“

Johann seufzte. „Ich habe den Glauben nie wirklich verlassen. Verlassen habe ich meinen Vater. Ich bin als Kind zum Kult geflohen, weil ich ihn so am meisten ärgern konnte. Ich wollte die Magie studieren, und hier wäre ich nur mit der Erlaubnis meines Vaters aufgenommen worden. Der Kult nahm mich mit offenen Armen auf, und ich habe viel gelernt.“

„Verlassen habe ich den Kult, weil ich die Schwüre dort nicht ablegen konnte.“

„Du hast also genug Ehrgefühl entwickelt, um zu erkennen, daß Du nicht mit einer Lüge leben kannst?“ Erwartungsvoll beugte sich die geheimnisvolle Sprecherin vor. das Symbol auf ihrer Robe wurde nun erkennbar: Ein Pentagramm, das die drei Bereiche der Magie in sich vereinigte. Das war tatsächlich Asen, die Meisterin der Erzmagie! Johann wurde nun klar, warum die Gilde so bereit gewesen war, ihn anzuhören.

„Herrin, ich weiß ich muß hier offen sprechen, da jedes meiner Worte durch Eure Zauber geprüft wird.“ Johann straffte sich. „Ich könnte sehr gut mit einem Lippenbekenntnis leben, wenn ich dadurch der Magie näher komme. Aber ich weiß, daß die Schwüre des Kultes mit Zauberkraft so verstärkt werden, daß ein Meineid mit dem Tod bestraft wird.“

„So fürchtest Du also nicht den Verlust der Ehre, sondern den Verlust des Lebens.“ Zufrieden lehnte die Erzmagierin sich zurück.

„Und wenn Du hier dieselben Schwüre ablegen solltest? Wenn Du uns die gleiche Treue wie vorher dem Kult schwören sollst? Würdest Du diese Schwur ablegen?“

„Ich schwöre hier und jetzt, daß ich die Gilde nie verraten werde. Gildengeheimnisse werden von mir auch unter Folter nicht weitergegeben. Bei meinem Leben schwöre ich dies. Und diesen Schwur könnt ihr so bindend machen wie ihr wollt.“

„Du bist klug, Priestersohn. Du weißt genau, daß wir hier nicht die Kirche sind, und auch keine absolute Loyalität zu allen Göttern fordern. Es wäre schon schwer genug zwei Göttern gleichzeitig zu folgen.“ Die Erzmagierin machte eine Pause. Sie sah Johann für einen langen Moment an.

Schließlich lehnte sie sich wieder in die Dunkelheit zurück. „Du bist in die Gilde aufgenommen. Deine Ausbildung beginnt morgen früh.“

Erneute Ausbildung

In der Gilde der Magier der Götter hatte Johann es wieder einmal nicht leicht. Auch hier wurde er zunächst geschnitten. Ein Junge, der von seinem Vater und vor den Göttern weggelaufen ist, und nun wieder reumütig zurückkehrte. Vielen paßte dieses Bild nicht, und hin und wieder wurde unter vorgehaltener Hand vermutet, daß er ein Spion des Kultes sei, und daß er Pläne hätte, den Tempel zu entweihen. Erst als die Obersten der Drei Bereiche dem energisch Einhalt geboten, kehrte allmählich Ruhe ein.

Mit der Zeit wurde Johann sogar von den anderen Studenten geachtet, und mit einigen freundete er sich sogar regelrecht an. Besonders gern mochte er Steffen, mit dem er zusammen das Priesterseminar besuchte. Beide hatten gemeinsam, daß sie sich nicht auf einen Gott festlegen wollten, sondern Priester für alle werden wollten.

Das war zwar ein schwierigerer Weg, zumal man dabei auch nicht hoffen konnte, jemals eine eigene Gemeinde zu bekommen. Aber Johann wollte eh nicht wirklich Priester werden, das war nur ein mehr oder weniger lästiger Nebeneffekt der Magieausbildung.

Aber mit der Zeit gewann Johann ein wenig Gefallen an der Priesterschaft. Als er mit seiner Ausbildung fertig war, übernahm er mehrmals im Monat freiwillig priesterliche Aufgaben im Tempel, obwohl er von diesen für seine Forschung freigestellt worden war.

Was ihn betrübte, war das sein Vater seine Rückkehr zum Glauben leider nicht mehr miterleben konnte. Fresen Losa starb noch während Johann im Kult war. Er war unterwegs in einem der Orkdörfer um Radeshorn, als seine Reisegruppe von einem Troll angegriffen wurde. Das Ungeheuer erschlug Fresen vor den Augen seiner Frau Isabel, und verschwand dann in den Bergen.

Isabel Losa hingegen konnte die Rückkehr ihres Sohnes noch miterleben. Sie lebt immer noch als Priesterin im Haupttempel.

Johann sprach häufig mit ihr. Meistens erzählte sie ihm von seinem Vater, wie ihn der Verlust seines Sohnes schmerzte. Erst nach mehreren Jahren erfuhren sie überhaupt, wohin Johann gelaufen waren. Und zu diesem Zeitpunkt war ihr Sohn schon zu alt, als daß Fresen einfach in den Haupttempel des Kultes hätte stürmen können, um seinen Sohn zurückzufordern.

Ein Wiedersehen

„Adept Losa? Da draußen ist jemand, der Euch sehen möchte.“ Johann schaute mißmutig zu dem Diener, der sein Experiment störte. „Gut, schickt ihn herein.“

Die Tür schloß und öffnete sich wieder ohne daß Johann wirklich Notiz davon nahm. Erst als er ein Räuspern hörte, sah er auf.

„Anure! Was machst Du denn hier?“

Es war tatsächlich Anure. Sie trug ein einfaches Straßengewand, ohne die sonst üblichen Insignien des Kultes.

„Wahrscheinlich um kein Aufsehen zu erregen.“, sagte Johann sich. Er sah an ihrem Gesicht, daß irgend etwas sie bedrückte.

„Anure, nun setz Dich doch! Bist Du in Schwierigkeiten, ist etwas mit Oidar? Was ist denn los“ redete Johann auf das schweigsame Mädchen ein. Mädchen? Anure ist eine Frau geworden, soweit Johann das beurteilen konnte.

„Es ist Oidar. Er hat den Neun-Jahres-Schwur abgeleistet.“ brachte Anure endlich hervor.

„Den Neun-Jahres-Schwur. Das heißt er möchte immer noch in die Innerste Garde aufgenommen werden.“ Johann fragte sich, was daran so bedrückend war. „Er muß nun neun Jahre seines Lebens dem Kult opfern. In dieser Zeit kann er keinen Hausstand erwerben, er darf nicht für sich selber arbeiten, und er muß die Gebote der Ritterschaft beachten. Und…“

Johann versuchte sich an die Einzelheiten des Schwurs zu erinnern. „Er, er darf auch nicht heiraten! Natürlich! Dieser Dummkopf!“

Johann wurde klar, warum Anure so bedrückt war. Er mußte sie doch irgendwie trösten. Aber er wußte, daß das schwer werden würde.

Ein geheimes Treffen

„Es tut gut Euch in Gesundheit zu sehen.“ Johann umarmte seinen alten Mentor. „Wie ich hörte habt ihr Fortschritte bei den Reisephänomen gemacht.“

„Woher wißt Ihr das?“ Urams Augen weiteten sich vor Überraschung. „Ach, ist ja auch egal. Ja ich habe ein altes Buch aus Cibola erworben. Es ist wirklich wunderbar. Leider komme ich bei der Übersetzung nicht so recht voran.“

Johann schenkte dem Alten einen Becher Wein ein. Leise drangen die Geräusche der Taverne in das Hinterzimmer, in dem die beiden sich in regelmäßigen Abständen trafen. Uram hatte ihm erzählt, daß Asen diese Treffen eigentlich gar nicht schätzte, aber Johann konnte ihn überzeugen, daß, wenn sie jemand entdecken sollte, das eher als Freundschaft zwischen Mentor und Schüler angesehen würde, und nicht als geheimen Orden von Arkanisten.

„Ich könnte es ja einmal versuchen, wenn Ihr mir das Buch einmal ausleiht…“

„Um nichts in der Welt würde ich diesen Schatz aus der Hand geben! Danke für das Angebot, aber darauf freue ich mich viel zu sehr.“

Schnell kamen die Beiden in ein angeregtes Gespräch über Magie, Reisephänomene und andere Dinge. Stunden später sprach Johann an, was er den ganzen Abend tun wollte.

„Meister Uram, ich muß Euch noch um einen Gefallen bitten.“

„Welches Buch wollt ihr diesmal haben? Nicht das aus Cibola!“

„Es geht diesmal nicht um ein Buch, ihr müßt für Grubmah einen Auftrag organisieren, er muß für eine Weile aus der Stadt.“ Johann begann zu erklären, wieso es besser wäre, daß sich Oidar und Anure für eine Weile aus dem Weg gehen könnten.

Ein Geschenk

„Hallo Oidar!“

Die Stimme kam aus dem kleinen Wäldchen auf dem Hügel. Oidar sah sich verblüfft um.

„Erinnerst Du dich? Hier haben wir das erste Mal Anure getroffen. Das heißt, ich bin nur einem Reisephänomen davongelaufen.“

Jetzt entdeckte Oidar den Sprecher und spuckte aus. „Du! Was willst Du von mir? Ich habe Dir gesagt, daß ich Dich nie wieder sehen will, und dazu stehe ich heute noch.“

Johann kam aus den Schatten der Bäume. Langsam ging er auf Oidar zu. Dieser stieg nicht vom Pferd, und er umarmte auch nicht den einstigen Freund, sondern blickte ihn nur mit Verachtung an.

„Ich weiß, daß Du nichts für mich übrig hast, aber ich soll Dir nur etwas geben, zusammen mit einer Botschaft. Leider keinem Versprechen.“ fügte er mit Bedauern hinzu.

Er reichte Oidar eine Lederschnur, an deren Ende ein Ring gebunden war. „Anure sagt, sie kann Dein Geschenk nicht annehmen, da sie nicht weiß, ob ihr Verlobter in neun Jahren noch immer der gleiche ist wie jetzt. Sie weiß auch nicht, ob sie dann immer noch die gleiche ist. Aber sie hofft es für Euch beide.“

Er ließ den fassungslosen Oidar mit dem Geschenk auf dem Hügel stehen, und ging zurück zur Stadt.

Die Botschaft

Johann besah sein Spiegelbild nachdenklich. „Magie macht älter.“ sagte er leise zu sich. Er hatte Recht. Obwohl er erst ende 20 war, zeigte sein Gesicht schon Falten. Sein Haar war eh nie sonderlich dick gewesen. In seinen braun — grauen Roben, mit dem meist unrasierten Gesicht machte überhaupt nicht den Eindruck eines Mannes in seiner Blüte.

Viele hielten ihn für meistens für einen der erfahrenen Magier, und nicht für den jungen Adepten, der er eigentlich war. Aber er galt ja auch als besonders begabt, vielleicht spürte man das auch irgendwie, dachte er. Vielleicht merkt man ihm ja das Besondere an. „Vielleicht halten mich aber auch nur alle für einen Spinner.“ fügte er bitter hinzu.

Ein vorbei eilender Mann riß ihn aus seinen Gedanken. Er wandte sich von dem Fenster ab, das sein Gesicht widergespiegelt hatte, um weiterzugehen. Die Straße war heute besonders gefüllt. Viele Menschen, die aneinander vorbei hasteten, hin und wieder ragte ein Felidae aus der Masse.

Als er um die Ecke bog, rempelte ihn ein Knappe des Kultes an, und wollte sich schon entschuldigen, als er Johann erkannte. „Verräter! Mögen Deine Götter Leid und Schande über Dich bringen.“ zischte er, und spuckte vor Johann aus. Dieser zuckte mit den Achsen, und ging weiter. Solche Begegnungen war er gewohnt, und der Knappe war mit der Auswahl seiner Beleidigung nicht einmal sonderlich kreativ gewesen.

Zum Glück waren nicht alle im Kult so. Die meisten verachteten ihn für das was er getan hatte. Aber einige, mit denen er die Magie studiert hatte, konnten besser verzeihen. Mit ihnen teilte er die Liebe zur Magie, und hin und wieder tauschten sie Forschungsergebnisse und Neuigkeiten aus. Johann konnte feststellen, daß der eiserne Vorhang zwischen dem Kult und den Göttern an manchen Stellen durchaus Löcher hatte.

Johann ging mit ruhigen Schritt auf das Zentrum der Stadt zu. Er wußte, er hatte noch Zeit bis die 2. Sonne im Zenit stehen würde. Er wollte sich mit Anure treffen, sie hatte ihn um ein Treffen gebeten. Er hatte nicht den leisesten Schimmer, was Anure von ihm wollte. Sie hatte in ihrem Brief nur erwähnt, daß sie ‚seine Kontakte‘ brauchen könne.

Johann beschäftigte sich meistens mit den Reisephänomenen, und das brachte es mit sich, daß er mit sehr vielen Reisenden sprach. Bei den Händlern und Gelehrten von Catar war er schon bekannt wie ein bunter Hund.

Die meisten Händler hielten ihn für einen verschrobenen Gelehrten, mochten ihn aber, da er recht viel über das Kommen und Gehen in Catar Bescheid wußte. Nicht selten konnte er einem Händler Kunden vermitteln, oder Auskunft über andere Leute geben.

Einige der ansässigen Kaufleute luden ihn inzwischen sogar selber ein, damit er bei Handelsabschlüssen als Zeuge oder Schreiber fungierte. Das war für Johann dann immer eine willkommene Gelegenheit, mehr über Catan und seine Bewohner herauszufinden.

„Will sie vielleicht etwas mehr über Oidar erfahren?“ fragte er sich. Schließlich war gestern ein Händler aus der Stadt eingetroffen, in der Oidar seinen Dienst verrichtet. Nun, er würde es schon früh genug erfahren.

Die Taverne „Auerochse“ war in einem Keller nahe des Hafens eingerichtet. Johann wunderte sich, daß Anure sich ausgerechnet hier mit ihm treffen wollte. Schließlich hatte der „Auerochse“ nicht gerade den feinsten Ruf.

Zu dem Zeitpunkt wo er den dunklen Schankraum betrat schien dieser bis auf den Wirt komplett leer. „Die Dame sitzt im Nebenzimmer.“ knurrte der Wirt ihn an und zeigte auf eine Tür weiter hinten im Raum. Johann begann sich zu fragen, was Anure wohl bezweckte.

Nachdem sich die beiden begrüßt hatten, fragte Johann sie mit einem Lächeln: „Worum geht es Anure? Vermißt Du Oidar jetzt schon?“

Er hatte nicht damit gerechnet, daß Anures Gesicht auf diese Frage rot anlaufen würde. „Es geht um ihn, da hast Du wieder einmal recht Johann.“ Sie richtete sich auf ihrem Stuhl („Diese Kaschemme hat wirklich fürchterliche Stühle.“ dachte Johann sich) auf, und sah ihn fest an. „Johann, meine…“ sie stockte, „meine Menses ist schon seit über 3 Monaten ausgeblieben!“

Johann schaute die Novizin ratlos an. „Und was kann ich dabei tun? Habt ihr für so etwas nicht Zofen oder so? Ich meine, irgendwo in den Lagern des Tempels wird es bestimmt noch einige Mensen geben. Oder sind die irgendwie rationiert?“

Wieder überraschte ihn Anures Reaktion vollkommen. Sie schaute ihn erst vollkommen verblüfft an, und brach dann in schallendes Gelächter aus.

„Johann!“ brach sie schließlich hervor, „Johann, Du verstehst rein gar nichts von Frauen. Die Menses ist ein natürlicher Vorgang, den jede Frau hat. Wenn er ausbleibt, heißt das, das sie ein Kind erwartet.“

Johann war zwar auf dem Gebiet der Magie bewandert, aber was diese „Dinge-des-Lebens“ anging, war er noch auf sehr unsicherem Boden. Sicher war er sich aber, daß für ein Kind Mann und Frau „zusammenarbeiten“ mußten. „Du meinst Du erwartest ein Kind? Von Oidar?“ fragte er schließlich zaghaft.

„Ja Johann.“ entgegnete sie ihm. „Und ich bin nicht gewillt, es ehrlos aufzuziehen. Ich weiß, daß Oidar nicht auf mich hören wird. Er will unbedingt 9 Jahre seines Lebens wegwerfen. Und deswegen brauche ich deine Kontakte, um…“ ihre Stimme versagte.

„Meine Kontakte? Wofür brauchst Du meine Kontakte? Sollen sie ihn dazu zwingen? Das erwartest Du doch wohl nicht von mir?“

„Nein, ich brauche andere Hilfe. Ich will unter diesen Umständen sein Kind nicht.“ entgegnete Anure ihm.

Langsam begriff Johann, was Anure andeutete. Irgend etwas in ihm sperrte sich dagegen. „Gibt es nicht andere Möglichkeiten? Vielleicht solltest Du das Kind weggeben?“

„Und in der Zwischenzeit? Selbst Du solltest bemerkt haben, daß Frauen, die ein Kind erwarten, früher oder später deutliche Kennzeichen entwickeln. Dann würde es jeder wissen!“

„Du könntest ja fortreisen. Irgendwohin, wo Dich keiner kennt. Ich kann das bestimmt arrangieren.“ fügte er hoffnungsvoll hinzu.

Es dauerte nicht mehr lange bis Johann Anure überzeugt hatte, daß das der bessere Weg sei. Schon bald saßen sie zusammen und planten ihre Reise.

Die Forschung

Das nächste Jahr verbrachte Johann nur noch mit seinen Forschungen über die Reisephänomene. Er studierte alte Manuskripte, befragte Zeugen von Phänomenen, und verfeinerte die Zauber, mit denen er die Reisephänomene eventuell aufspüren könnte.

Dumpf brütete Johann vor sich hin. Seit 3 Monaten grübelte er schon über dieses spezielle Phänomen. Es trat genau dort auf, wo er selber mit Oidar vor Jahren Anure getroffen hatte. War es nur Zufall, daß es wieder genau dort auftauchte, oder gab es eine Regelmäßigkeit? Johann hatte es sich fest vorgenommen, zu beweisen, daß dieses Phänomen eine Regelmäßigkeit aufweist. Wenn ihm das erst einmal gelungen ist, würde das viel über die Reisephänomene aussagen. Er würde in die Annalen der arkanen Forschung eingehen, genau wie sein alter Meister Uram, der die allgemeine Theorie über die Dämonen der 3. Hölle bewiesen hatte.

Aber was sollte diese Träumerei, bisher hatte er noch keinerlei Beweise für diese Theorie gefunden.

„Am 3.10. des Jahres 37 erschien ein Mann mit zwei Schafen am Fuße des Hügels. Er behauptete, von den Zwergenbergen in der Nähe Radeshorns zu stammen…“

Ach verflixt! Dieser Vorfall ließ sich ebenfalls in keines der bisher angenommenen Muster einordnen.

Johann warf die Schriftrolle zur Seite. So kam er einfach nicht weiter. Er könnte noch Jahre über diesen Berichten brüten, und würde immer noch zu keinem Ergebnis kommen. Diese Sache mußte systematisch angegangen werden!

Zuerst müßte er eine Tabelle erstellen, mit deren Hilfe er das ganze überblicken könnte. In diese Tabelle würde er dann die genaue Art der transportierten Lebewesen eintragen, und deren Herkunft. Natürlich auch der genaue Ort der Erscheinung und, natürlich, auch die Richtung, in die sich die Lichtkugel bewegt hatte, wie konnte er nur das außer acht lassen!

Er brauchte noch eine Karte, in der er das alles eintragen kann. Am besten wäre es wohl, wenn er Anfangs und Zielpunkte mit einer Linie verbinden würde.

Aufgeregt zog er an der Klingelschnur, die einen der Studenten rufen würde, die heute Botendienst hatten. Als der Bengel nach dem 2. Klingeln immer noch nicht da war, stürmte Johann selber los in Richtung Schreibstube.

Aufbruch

„Nun, wieso genau wollt Ihr noch einmal durch die Wildnis reisen, Adept Losa?“

„Nun, wie ich schon deutlich gemacht habe, habe ich eine recht deutliche Theorie, die das Auftreten der Reisephänomene wenn nicht erklären, doch wenigstens einem Muster unterwerfen würde. Wenn es mir gelingt, für diese Theorie weitere Anhaltspunkte zu finden, und sie zu erhärten, dann könnte man präzise berechnen, wann und wo ein Reisephänomen in Erscheinung tritt.“

„Adept Losa, wir alle wissen, daß Ihr schon einige bedeutende Forschungsergebnisse erzielt habt, ich selber habe euer Traktat über das Wesen der Wunder gelesen. Aber meint Ihr nicht, daß ihr für Reisephänomene noch ein wenig zu unerfahren seid?“

Der Meister der Essenz lehnte sich zurück. Er mochte diesen jungen Priestermagier. Seine Ansichten waren teilweise etwas wirr, und seine Vergangenheit konnte man wohl eher als bewegt bezeichnen, aber er war tüchtig, und würde es einst weit bringen. So einen jungen Spund allerdings alleine auf die Reise zu schicken, damit er sich mit Reisephänomenen einläßt…

„Nein, ich kann es nicht erlauben. Ihr seid einfach noch zu unerfahren. Ihr selber sprecht andauernd von der Gefahr, die von den nicht einzuschätzenden Reisephänomenen ausgehen, und nun wollt ihr euch alleine auf die Suche nach solchen machen? Nein das geht so nicht.“

„Aber Meister Frespe, was soll ich mit einer Kohorte Leibwächtern anfangen? Die meisten dieser Leute springen doch beim geringsten Anzeichen von Gefahr vor mich, und stören nur.“ Johann tippte auf die Landkarte mit den eingezeichneten Phänomenen. „Ihr selber seid früher auch ganz alleine durch Catara gewandert, und habt die Berge erforscht. Hättet Ihr die Ruinen von Gralndorf entdecken können, wenn 20 Krieger ständig vor Euren Füßen herumgetrampelt wären?“

Meister Frespe begann den jungen Adepten zu verstehen. Hier war ein Mann, der sich beweisen wollte. Nun, gut, er sollte seinen Willen haben. „Nun, ich werde noch einmal darüber nachdenken und mich mit den anderen Meistern beraten. Vielleicht erlaube ich eure Expedition doch noch.“

Schon zwei Wochen später saß Johann auf einem Pferd in Richtung Süden. Bei sich hatte er, auf einem Packpferd, mehrere Bücher, Landkarten, Schreibutensilien., ein Zelt und diverse andere Dinge, die man in der Wildnis brauchen könnte. Sein erstes Reiseziel würde die Gegend um Altfels sein. Wenn ihn nicht alles täuschen sollte, kann er dort ein Reisephänomen finden. Laut seinen Aufzeichnungen tauchten dort häufiger Phänomene auf, und wenn er Glück hatte, auch diesmal.

Altfels

Altfels war ein relativ ruhiges Dörfchen, das mitten in Heindal lag. Seine Bewohner waren hauptsächlich Orks, die hier Bergbau betrieben. Johann stellte fest, daß in Altfels eigentlich recht wenig los war, da es etwas abseits von den Handelsstraßen lag. Aber in seiner Nähe tauchten immer wieder Reisephänomene auf, eine Tatsache, die ihn brennend interessierte. Deswegen hatte er sich vor einer Woche im Dorfgasthof einquartiert, um die Gegend zu erkunden. Immer wieder durchstreifte er das Gelände und befragte Dorfbewohner. In der übrigen Zeit betätigte er sich als Priester, und betete mit den Dorfbewohnern zu den Göttern.

Und er fand ein Reisephänomen! Es passierte mitten auf dem Dorfplatz, als er gerade Wasser aus dem Brunnen trinken wollte. Er fühlte wieder diesen Druck auf den Ohren, und hörte das tiefe Brummen. Diesmal war er vorbereitet. Er sah das Phänomen am Rande des Dorfes vorbei ziehen, und konnte es mit seinen mittlerweile geschulten magischen Sinnen erfassen.

Was er herausfand, war für ihn völlig neu: Das Reisephänomen wies die gleiche Struktur auf, wie ein Erdknotenpunkt. Es strahlte Arkane Magie aus. Das hatte vor ihm noch keiner herausgefunden! Was ihn verwirrte: Das Phänomen hatte diesmal anscheinend kein Lebewesen mitgenommen, und auch keines dagelassen. Es könnte natürlich sein, daß ein kleiner Vogel erfaßt wurde, folgerte er, und notierte diese Vermutung, machte aber eine Randbemerkung, daß dies nicht bewiesen war.

Er nahm sich seine Formeln vor, und begann die Berechnung des nächsten Auftauchens. Er legte die Annahme zugrunde, daß ein Vogel mitgenommen wurde, um die ungefähre Position auszurechnen. Wahrscheinlich würde das Reisephänomen von hier in Sprüngen Richtung Radeshorn wandern. Johann schätzte, daß er gut 3 Wochen Zeit hatte, um es dort irgendwo abzufangen. Eilig packte er seine Dinge zusammen, zahlte den Wirt aus, und machte sich noch am selben Tag auf den Weg.

Radeshorn

Er hatte das Reisephänomen verpaßt, und das auch noch kurz vorm Wintereinbruch! In Radeshorn erzählten die Leute ihm vom Reisephänomen, daß die gestreiften Pferde dagelassen hatte. Der Seneschall des Fürsten erlaubte ihm, die Pferde einmal zu sehen. Er ließ sich von einem Künstler einige Skizzen anfertigen, und besah sich die Tiere sehr genau. Nach dem Gewicht dieser Tiere zu urteilen müßte das Phänomen nun unterwegs in Richtung Dalora sein. Er zögerte einige Zeit dem Phänomen entgegenzueilen, schließlich würde es demnächst anfangen zu schneien, und dann noch dieses Gerede über Krieg…

Schließlich siegte seine wissenschaftliche Neugier. Er packte seine Sachen zusammen und brach trotz des Schnees auf.

Das Hörnchen

Johann mied die Straßen, da er sich nicht sicher war, ob es nicht Wegelagerer geben würde. Im Wald fühlte er sich irgendwie sicherer. Eines Abends saß er am Lagerfeuer, und röstete sich noch ein paar Nüsse, die er beim Ausheben der Kuhle für das Feuer gefunden hatte.

Plötzlich sah er ein kleines Eichhörnchen, daß aufgeregt an den Bäumen rund um das Feuer herumkletterte. Es schien sehr aufgeregt zu sein, und kam schließlich in die Nähe des Feuers. Anscheinend gehörten die Nüsse, die Johann gerade genüßlich aß zu seinem Wintervorrat!

Amüsiert warf Johann dem kleinen Nager einige noch ungeröstete Nüsse zu.

„Hmmm das ist eigentlich eine willkommene Gelegenheit diesen Bindungszauber zu erproben. Außerdem kann ich diesen kleinen Kerl schlecht alleine hier draußen lassen.“ sagte Johann sich, und begann die Formeln zu sprechen, um dieses Eichhörnchen zu seinem Vertrauten zu machen.

Räuber, Diebe!

Einige Tage später sah Johann auf der Suche nach einem Nachtlager ein Feuer. Vorsichtig kam er näher, um festzustellen, daß 4 Leute an einem großen Lagerfeuer saßen.

„Hallo! Einen schönen guten Abend meine Herren!“

„He, Rufus, sieh mal, wir haben Besuch.“ Einer der Männer stand auf, um Johann entgegenzukommen.

„Ja Rekkem,“ erwiderte ein untersetzter Kerl mit einem Weinschlauch in der Hand, „einen Wanderpriester. Kommt, und setzt euch.“

Arglos setzte sich Johann zu den drei Männern, ohne zu ahnen, daß er sich, keinen Tag später, gefesselt auf dem Rücken seines Pferdes wiederfinden würde. Sein Vertrauter würde ihm in den Baumkronen folgen, und sich erst auf Hohefels wieder bei seinen Herrn melden.

Ein Gedanke zu „Johann Losa, der Priestersohn

  1. Manchmal bastelt man an einer Charakteridee, und es passieren die seltsamsten Dinge. So wie an diesem Beispiel.

    Da wäre zunächst einmal Eloque Drachenprinz. Dieser Elb sollte uralt aber absolut weltunerfahren sein, weil er 1000 Jahre in einer Drachenhö

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