Von Eloque über Anure und zurück

Manchmal bastelt man an einer Charakteridee, und es passieren die seltsamsten Dinge. So wie an diesem Beispiel.

Da wäre zunächst einmal Eloque Drachenprinz. Dieser Elb sollte uralt aber absolut weltunerfahren sein, weil er 1000 Jahre in einer Drachenhöhle verbracht hat. Die Hintergrundgeschichte sollte noch viel seltsamer werden, aber irgendwie bin ich nicht wirklich weit damit gekommen. Also schlief Eloque selig auf meiner Festplatte, und nichts passierte…

Eloque schlich sich durch die Gänge des Höhlensystems. Schon vor dreißig Jahren hatte er den Eingang zu diesen Gängen an einem Berghang gefunden. Damals stand er staunend mit einer Fackel in der Hand am Rand einer großen Höhle, die sich fast wie ein Tal unter ihm erstreckte. Hin und wieder brach sich das Licht an glitzernden Steinen oder an den Tropfsteinen. Doch irgend etwas hatte ihn davon abgehalten weiter hinabzusteigen. Eloque hatte sich umgedreht, um an das Tageslicht zurückzukehren.

Die nächsten Jahrzehnte verbrachte er wie die meisten seines Volkes unter freiem Himmel und Baumwipfeln. Er wanderte mit seiner Familie über die Welt, und lernte die alten Geschichten. Eloque war fasziniert von den Legenden und den Sagen. Die Ältesten erzählten sie ihm gerne, und mehr als einmal wurde darüber gesprochen, daß er der nächste Barde der Gruppe werden würde.

Und jetzt stand er inmitten eines dunklen, feuchten Ganges. Seit zwei Wochen erforschte er nun schon diese Höhlen. Bisher hatte er nur ein paar niedere Kreaturen gesehen, nicht ungleich dieser ‚Menschen‘, denen er schon in den Wäldern begegnet war. Aber irgendetwas trieb ihn weiter in die Berge hinein. Eloque war überzeugt davon, daß irgendwo hier drin etwas großartiges auf ihn warten würde. Er war sich sicher, daß wenn er diese Höhlen wieder verlassen würde, er eine neue Legende mitbringen könnte.

Der Gang vor ihm wurde allmählich steiler. Inzwischen war er sicherlich schon ziemlich weit unterhalb der Erdoberfläche. Der Elb lehnte sich gegen die Wand, und legte die Fackel vorsichtig neben sich. Prüfend hob er den Wasserbeutel. Wenn er nicht innerhalb der nächsten Stunden auf eine Quelle stieß, würde er umkehren müssen. Bisher hatte er immer wieder kleinere unterirdische Bäche, Tropfsteine oder Pfützen gefunden. Auch Nahrung fand er häufiger als er zuerst gedacht hatte. Diese Kavernen, Höhlen und Schächte beherbergten ganz eigene Tiere. Die meisten waren nicht größer als ein Hund oder eine Katze, aber sie reichten ihm. Eloque schulterte den Wasserbeutel, und nahm die Fackel wieder auf. Erfrischt und ein klein wenig ausgeruht begann er den Gang hinabzugehen.

„Wenigstens ist dieser breit genug, daß ich normal gehen kann“ dachte er bei sich. Manche der Kavernen waren so schmal gewesen, daß er zeitweise befürchtet hatte, steckenzubleiben. Mit Schaudern dachte er daran, daß er wahrscheinlich durch eben diese noch einmal hindurch muß, um wieder an die Oberfläche zu kommen.

Ein Geräusch schreckte ihn aus seinen Gedanken. Wahrscheinlich war es nur eines der kleineren Tiere, aber wenn es ein Höhlentroll war, bedeutete das Ärger. Eloque hatte es vor einer Woche mit so einem Biest zu tun gehabt. Er hatte seine Seele schon zu den Ahnen schicken wollen, als er gerade rechtzeitig ein schmales Gangstück gefunden hatte. Er paßte gerade eben hindurch, aber der Troll zum Glück nicht. Der junge Elb war hindurchgeschlüpft, und ließ den verdatterten Troll am anderen Ende seine Wut an der Wand auslassen.

Doch diesmal schien es kein Troll zu sein. Eloque hörte angestrengt hin. Das, was er vernahm schien weniger die Laute eines Tieres zu sein, sondern viel mehr eine Art Gesang! Verwundert blieb der Elb stehen, und lauschte. Eine solche Stimmlage hatte er noch nie vernommen, und wer auch immer da sang, tat dies in keiner ihm bekannten Sprache. Eloque ist noch nie in den Sinn gekommen, daß irgendeine der Kreaturen dieses Berges so etwas wie Kunst entdeckt hätten. Unwillkürlich mußte er lachen, als sich ihm das Bild eines Trolls aufdrängte, der mit einer Elbenharfe von der Liebe sang.

Das war das erste Mal, seit er in diesen Höhlen war, daß er wirklich gelacht hatte, und Eloque genoß dieses Lachen in vollen Zügen. Er konnte sich erst bremsen, als der fremde Gesang plötzlich abbrach.

Eloque schalt sich geistig selbst, als ihm bewußt wurde, daß wer auch immer dort gesungen hatte, nun wußte, wo er war.

„Nun komm doch, kleiner Elb!“, ertönte plötzlich eine tiefe Stimme. „Du hast nichts zu befürchten, nicht von mir.“

So gerufen konnte Eloque seine Neugier nicht mehr bezähmen. Er eilte so schnell er konnte durch den Gang.

Dann beschloss Carsten, unser Spielleiter, eine neue Kampagne zu eröffnen. Wir alle sollten neue Charaktere mitbringen, also fing ich an zu wühlen. Da fiel mit Anure ein, die ja auch schon bei Grubmah Oidar und Johann Losa auftauchte. Ich kannte die Dame ja nun schon recht gut, also baute ich sie weiter aus. Ich erschuf das Traumpaar Antang und Anure, wobei Antang von einem der anderen Spieler der Gruppe gespielt werden sollte:

…Anure schluchzte. Als sie von dem Ausbruch des Krieges hörte war sie sofort aufgebrochen. Dem Abt hatte sie erzählt, daß sie die Kräuter in Niedergorn katalogisieren wolle. In Wirklichkeit hatte sie sich zu ihrem Kind aufgemacht. Birkenhain lag mitten in dem Gebiet, in das die Daloraner eingefallen waren. Wer weiß, was sie der Familie in der ihre Tochter aufwuchs antun würden. Zudem gehörte das Dorf zum Kult, und die Daloraner waren doch Götzenanbeter!

Und nun saß sie hier, inmitten von Trümmern. Der Hof, der der Familie Hortinga gehörte, war bis auf die Grundmauern abgebrannt. Inmitten der noch rauchenden Ruinen hatte sie mehrere Leichen gefunden. Auch der Rest des Dorfes war vollständig zerstört.

Ein Rascheln ließ sie aufschrecken: Von der Dorfmitte her, da wo der große Scheiterhaufen stand, näherte sich jemand. Anure richtete sich auf um genaueres sehen zu können. Könnte es sein, daß jemand das Gemetzel überlebt hatte? Lebte ihre Tochter vielleicht noch? Mit klopfendem Herzen lief sie der Gestalt entgegen. Fast zu spät bemerkte sie die klaffende Wunde im Schädel des Mannes. Wer immer die Gestalt zu Lebzeiten war, jetzt stand jedenfalls ein Untoter vor ihr!

Anure stand starr vor Schrecken, und konnte nur auf die Maden sehen, die sich durch das eine Auge des Untoten fraßen, während die Kreatur weiter auf sie zuschlurfte. Sie war von Furcht derart gelähmt, daß ihr keiner ihrer Zauber einfiel. Als sie sah, daß sich auch von den Seiten her Widergänger näherten entrang sich ein Schrei ihrer Kehle…

…Antang stieß ein Stoßgebet aus. Wieder ein Dorf, was von den Hunden des Krieges heimgesucht worden war. Vorsichtig führte er sein Pferd den Hügel hinunter. Vor ihm waren rauchende Trümmer, verbrannte Erde und überall verstreut lagen die Leichen der Dorfbevölkerung. In der Mitte des Dorfes konnte er einen Scheiterhaufen ausmachen, an dessen Resten sich die Raben gütlich taten.

„Drekon steh ihnen bei“ wiederholte er sich, als er an weiteren Leichen vorbeiging. Das Gemetzel schien weniger als einen Tag her zu sein. Dann entdeckte er das Pferd. Es stand in den Resten eines der Gehöfte. Beim näherkommen sah Antang, daß es einen Frauensattel trug, und ein Bündel mit Reisegepäck. „Welche Frau reist alleine durchs Kriegsgebiet?“ wunderte Antang sich. Doch bevor er sich weiter fragen konnte, hörte er einen durchdringenden Schrei nach Hilfe…

…Wie ein Wirbelwind warf Antang sich auf die Untoten. Sein Schwert war von Drekon gesegnet, und fuhr mit heiligem Zorn durch die Widergänger. Schnell hatte er die Beiden hinter Anure wieder in das Totenreich geschickt. Er zog die Klinge aus dem dritten heraus, und bedeutete Anure hinter ihm in Deckung zu gehen, als die letzten beiden auf ihn zuwankten. Er registrierte, daß einer der beiden sich aufrechter hielt, und auch wacher zu sein schien als die anderen. „Der linke ist ein Ghoul!“ rief Anure ihm warnend zu.

Doch zu spät: Antang parierte den schwachen Angriff des rechten Untoten und wurde gleichzeitig von dem Ghoul angefallen. Heißer Schmerz durchfuhr seinen Arm, wo der Ghoul ihn gebissen hatte.

Nun, leider hatte Carsten beschlossen, den Zeitpunkt der Kampagne um 100 Jahre in die Zukunft zu verlegen, also in eine Zeit, zu der höchstens die Enkel von Anure noch auf Abenteuer gehen würden. Es musste also ein neuer Charakter her.

Da fiel mir Eloque wieder ein. Da die neue Kampagne aber keine 1000jährigen Elben brauchen konnte, musste ich mir etwas anderes überlegen. Nun, da ich kurz vorher ein klein wenig über die Elben dieser Welt philosophiert hatte, wusste ich, dass die Geschlechterproblematik da eher anders gehandabt wird.

Nun, kurz und knapp: Anure und Eloque wurden gekreuzt, und heraus kam die Saga von Antang und Eloque..

Eloque Heldenlied besah sich die Trümmer. Nie würde er die Menschen verstehen können, die so gierig auf Zerstörung waren. Traurig schritt er durch die Ruinen, besah sich jeden Toten. Eloque schnürte sich die Kehle zusammen, wenn er daran denken mußte, daß jedes abgebrannte Haus eine ausgelöschte Familie bedeutete. Sein Pferd hatte er am Dorfrand zurückgelassen, er wollte dem Tier den Geruch verbrannten Fleisches ersparen.

„Welch düsterer Anfang für ein Heldenlied.“, seufzte er, während er sich auf dem Dorfplatz umsah. Eloque war erst vor 4 Monaten in seiner Heimat aufgebrochen um sein Heldenlied zu erfahren. Oh, wie enttäuscht er gewesen war, als die Meisterbarden ihm mitgeteilt hatten wie er sein eigenes Lied finden solle. Ausgerechnet unter die Menschen sollte er sich mischen, und ausgerechnet einen der ihren besingen.

Eloque war ein Elb, einer aus dem alten Geschlecht der Wüstenelben. Wie die meisten seines Volkes war er zierlich gebaut, und trug sein schwarzes Haar lang. Er trug die helle, weite Kleidung, die er aus der Wüste gewöhnt war. Und wie es die Tradition der Elbenbarden verlangte, war er nach Abschluss seiner Ausbildung in die Welt aufgebrochen, um sein ureigenes Lied zu finden.

Und nun stand er vor einem großen Scheiterhaufen, in dem diese Barbaren ihre Feinde verbrannt hatten. Er konnte die Verwesung riechen, und in seinen Ohren war es, als ob die Toten noch immer durch dieses Dorf wanderten. Zu spät bemerkte er, daß die Toten tatsächlich wanderten, und einer von ihnen ihn fast erreicht hatte…

…Anthang stieß ein Stoßgebet aus. Wieder ein Dorf, das von den Hunden des Krieges heimgesucht worden war. Vorsichtig führte er sein Pferd den Hügel hinunter. Vor ihm waren rauchende Trümmer, verbrannte Erde und überall verstreut lagen die Leichen der Dorfbevölkerung. In der Mitte des Dorfes konnte er einen Scheiterhaufen ausmachen, an dessen Resten sich die Raben gütlich taten. Irgendwie schien sich dort mehr zu bewegen als nur die Raben. Anthang fragte sich, ob dort vielleicht noch Überlebende sein könnten, und ging unwillkürlich schneller.

Am Dorfrand sah er zu seiner Überraschung ein prächtiges Pferd stehen. Zaumzeug und Sattel waren dezent geschmückt. Irgendwie passte dieses Pferd überhaupt nicht in diese Szenerie des Grauens. Bewundernd strich Anthang über das feine Leder der Satteltaschen. Dabei bemerkte er das eigentümliche Schwert, daß dort hing. Es hatte die Größe eines Kurzschwertes, war aber wesentlich schmaler.

„Dies muß das Pferd einer hohen Dame sein.“, dachte Anthang bei sich. „Kein Mann würde mit so einer zierlichen Waffe kämpfen wollen.“ Er sah sich suchend um. Was könnte eine Adelige hier wollen? Auf dem Pferd war kein großes Reisegepäck zu sehen. Keine Lampen, kein Zelt oder ähnliches. Da im Umkreis mehrerer Tagesreisen kein Gasthof war, mußte sie von ihrem Gefolge getrennt worden sein. Womöglich war sie in Gefahr. Seine Ahnung bestätigte sich, als er vom Dorfplatz einen hohen Schrei hörte…

…die Schaufel traf Eloque genau zwischen den Schulterblättern. Als er sich aufrappelte, sah er den Toten. Eloque war sich sicher, daß dieser Mensch bestimmt nicht mehr am Leben sein konnte. Maden krochen aus den leblosen Augen des Mannes, und in seinem Brustkorb war ein klaffendes Loch. Aber dennoch stand dieses Wesen vor ihm, und war dabei, ihn erneut mit der Schaufel anzugreifen. Der junge Elb warf sich diesmal geistesgegenwärtig herum um dem Schlag auszuweichen. Er schalt sich selbst, weil er seine Klinge beim Pferd gelassen hatte. Ein hastiger Rundblick ließ seinen Mut sinken. Zwei weitere Untote näherten sich von den Seiten. Wenn er es schaffen könnte, zwischen ihnen hindurchzulaufen, dann wäre er in wenigen Sekunden bei seinem Pferd. Doch als er einen Schritt zur Seite machen wollte, stolperte er über eine der herumliegenden Leichen. Mit seinem Leben abschließend starrte Eloque die näherkommenden Widergänger an…

…Mit einem wilden Kriegsruf stieß Anthang dem ersten Untoten sein Schwert in den Rücken. Unter anderen Umständen wäre dies nicht sehr ehrenvoll gewesen, aber dies war nicht einmal Leben. Zwei weitere Widergänger beugten sich schon über die Frau. „Welch schöne Augen sie hat.“, dachte der junge Paladin sich noch. Sie trug Reiterhosen und ein weites Hemd. Durch sein Auftauchen schien sie Mut gewonnen zu haben. Mit einer einzigen schnellen Bewegung sprang sie aus der Reichweite der Untoten, und warf ihm einen dankbaren Blick zu.

„Bei dem Lichte Leritars!“ forderte Anthang nun die beiden verbleibenden Untoten. Erschreckt mußte er feststellen, daß vor ihm zwei Frauen standen. Ihre Kleidung war zerrissen, und zu großen Teilen mit der Haut verbrannt. Er stellte sich zwischen die beiden und der Geretteten, und zog sein Schwert. Mit zwei schnellen Streichen erlöste er die beiden Widergänger von ihren Leiden…

…Staunend sah Eloque den Ritter an, der da gerade vor ihm aufgetaucht war. Zweifelsfrei war er ein Paladin Leritars. Seine Rüstung schimmerte im Licht der untergehenden Sonne blutrot. Der junge Elb war fasziniert von der Art, wie der Paladin ohne Rücksicht auf das eigene Leben gegen die Widergänger antrat. Er gehorchte widerspruchslos, als der Ritter ihm mit einer knappen Geste bedeutete, zur Seite zu treten.

Dabei bemerkte Eloque die restlichen Untoten. Zwei weitere näherten sich von der Seite, während der Paladin in sein Gebet vertieft war. Anthang war offensichtlich so sehr mit seinem Gott beschäftigt, dass er die Warnungen des Elben nicht wahrnahm. Eloque besann sich auf das Wakizashi bei seinem Pferd. Mit einem einzigen, magisch verstärkten Sprung erreichte er es, und zog die Klinge aus ihrer Scheide. Ein weiterer Sprung brachte ihn zurück zum Geschehen…

…In Ruhe beendete Anthang sein Dankgebet. „Leritar, ich danke dir für deine Unterstützung in die…“. Er wurde jäh unterbrochen, als ein Dreschflegel auf seinen Rücken niederkrachte. Er mußte noch einen Gegner übersehen haben, ein Fehler, der sich nun bitter rächte. Auf dem Boden liegend tastete er nach seinem Schwert, aber es war aus seiner Reichweite gerutscht…

…Eloque trieb sein Kurzschwert mit aller Entschlossenheit in den Rücken des Untoten. Nie könnte er es zulassen, daß irgendetwas diesem Ritter Schaden zufügt. Wieder und wieder stach er mit der magischen Klinge seines Ziehvaters auf den Widergänger ein. Er kam erst zur Ruhe, als Anthang ihm vorsichtig das Wakizashi aus den Händen zog…

…so kam es dann, daß Eloque Heldenlied Anthang den Paladin kennenlernte. Von nun an, sollte Anthang unsterblich werden, unsterblich durch das Lied eines Elben.

Und nun folgt die Erzählung, die von Eloque überliefert ist, die Saga von Anthang dem Paladin!

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