Meine Gründe gegen die Kulturflatrate

Ich hatte das ja schon im vor­letz­ten Ein­trag und den Kom­men­ta­ren darin ange­fan­gen, will das aber noch ein wenig aus­wei­ten: Ich bin ziem­lich strikt gegen eine Kul­tur­flat­rate, und zwar aus diver­sen phi­lo­so­phi­schen und prak­ti­schen Gründen.

Prak­ti­sche Gründe

Neh­men wir ein­mal an, eine Kul­tur­flat­rate sei poli­tisch gewollt und soll jetzt umge­setzt wer­den. Geld soll nun von mög­lichst vie­len Leu­ten ein­ge­sam­melt und dann nach einem Schlüs­sel an Kul­tur­schaf­fende wie­der aus­ge­schüt­tet werden.

Gel­der Einsammeln

Schon das Ein­sam­meln ist nicht ganz ein­fach: Wenn die Flat­rate zum Bei­spiel auf einen Inter­net­an­schluss umge­legt wird, wie geht man dann mit Anschlüs­sen um, die von vie­len genutzt wer­den (Fir­men­an­schlüsse, Leute mit offe­nen WLANs…)? Wie gestal­tet man faire Preise für Leute die nur spo­ra­disch das Inter­net nut­zen, oder sich „mal eben“ im Inter­net­café einloggen?

Sowas ist natür­lich irgend­wie juris­tisch regel­bar, aber das wird a) kein sim­ples Regel­werk und b) es wer­den genug Leute los­schreien, daß gerade ihr Inter­net­zu­gang doch gar nicht für so etwas gedacht oder gar geeig­net sei.

Fair wäre das sicher­lich nicht.

Defi­ni­tion Kulturschaffende

Irgend­wie muss man defi­nie­ren, wer sich als Kul­tur­schaf­fen­der und poten­ti­el­ler Emp­fän­ger der Kul­tur­flat­rate qua­li­fi­ziert. Muss man eine bestimmte Anzahl „Kunst­werke“ ver­öf­fent­licht haben? Müs­sen die in irgend­ei­ner Min­dest­zahl ver­brei­tet sein? Oder reicht die Aus­sage „ich bin Künst­ler?“ Wel­che Gen­res sol­len mit auf­ge­nom­men wer­den? Musik, Lite­ra­tur, Comics, Filme… wenn man hier nicht Abgren­zun­gen ein­führt, ist irgend­wann jeder, der mal irgend­was im Inter­net ver­öf­fent­lich hat „Kulturschaffender“.

Gel­der ausschütten

Hier wird es jetzt rich­tig inter­es­sant. Befür­wor­ter der Kul­tur­flat­rate ver­wei­sen auf schon exis­tie­rende Sta­tis­tik­dienste wel­che die Filesharing-Netzwerke über­wa­chen und aus­wer­ten. Was sie über­se­hen, ist dass sol­che Dienste einen ganz ande­ren Anspruch an Exakt­heit und Voll­stän­dig­keit haben als ein Dienst der auf­grund sol­cher Erkennt­nisse Mil­lio­nen Euro aus­schüt­ten soll. Warum ist das wichtig?

Ganz ein­fach: Um Miss­brauch vor­zu­beu­gen. Momen­tan die­nen die Zugriffs­zah­len in den Tausch­bör­sen des Inter­nets nur als Indi­ka­tor für den Erfolg der Wer­bung, even­tu­ell der Plat­zie­rung in Hit­pa­ra­den sowie der Markt­for­schung. Unge­nau­ig­keit wird hier in Kauf genom­men und fal­sche Zah­len haben keine gro­ßen Auswirkungen.

(Anders sieht es teil­weise bei Diens­ten wie last​.fm aus, die aber auch ein walled-garden, also ein in sich abge­schlos­se­nes Sys­tem sind.)

Bei einer Kul­tur­flat­rate sind sol­che Zah­len aber im wahrs­ten Sinne Geld wert. Ein hoher Down­loadrang ist gleich­be­deu­tend mit einer hohen Gewinn­aus­schüt­tung. Dadurch ist der Anreiz mal eben über ein Bot-Net das eigene Lied mas­sen­haft her­un­ter­zu­la­den enorm groß. Ganz neue Betrugs­mo­delle rund ums Rick­rol­ling wer­den ent­ste­hen. Ver­tre­ter der Kul­tur­schaf­fen­den wer­den dann nach mehr Über­wa­chung des Inter­nets und Regu­lie­rung der Tausch­bör­sen rufen, und woll­ten wir das nicht gerade loswerden?

Ganz abge­se­hen davon: Die Meß­ver­fah­ren müss­ten quasi halb­jähr­lich kom­plett neu eva­lu­iert und neu ent­wi­ckelt wer­den, um stets den aktu­el­len Stand der Tech­nik abzu­bil­den und auch keine Ver­triebs­ka­näle zu verpassen.

Vom Kopf­schmerz Musik­schnipp­sel inner­halb von Videos zu ent­de­cken, unge­wöhn­lich codierte oder benannte mp3-Dateien den rich­ti­gen Inter­pre­ten zuzu­ord­nen und ähnli­chen Ver­wal­tungs­auf­wand mal ganz abgesehen.

Phi­lo­so­phi­sche Gründe

Klingt jetzt viel­leicht etwas hoch­tra­bend, aber ich habe eben auch ganz grund­sätz­li­che Gründe gegen eine Kulturflatrate.

Kein Opt-Out

Wozu brau­che ich ein Opt-Out, soll das nicht eine Soli­dar­ge­mein­schaft sein? Mein Pro­blem ist, dass durch so eine Kul­tur­flat­rate jähr­lich ein fes­ter Millionen-, wenn nicht sogar Mil­li­ar­den­be­trag  ein­ge­sam­melt und aus­ge­schüt­tet wird, kom­plett unab­hän­gig davon, ob die damit geför­der­ten Werke nun kon­su­miert wor­den sind oder nicht. Die digi­ta­len Kopien die­ser Werke ste­hen damit nicht mehr im finan­zi­el­len Wett­be­werb mit ande­ren Metho­den sie zu konsumieren.

Momen­tan kann ich ent­schei­den ob ich 30 Euro für ein bis zwei CDs, Down­loads im iTu­nes Shop oder eine Kon­zert­karte aus­gebe. Viel­leicht gehe ich statt­des­sen ins Kino oder schick essen, oder spare das Geld. Wich­tig ist, dass ich die Ent­schei­dungs­frei­heit habe, wofür ich mein Geld aus­gebe. Wenn die gesamte Musik­in­dus­trie nur noch Mist pro­du­ziert, brau­che ich den nicht zu bezahlen.

Füh­ren wir eine Kul­tur­flat­rate ein, bekom­men die Schaf­fen­den immer Geld, egal ob ihre Werke der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung gefal­len oder nicht. Sie müs­sen nur eine Mehr­heit der getausch­ten Dateien dar­stel­len, was lei­der nichts über die Qua­li­tät der Inhalte oder dem Wohl­wol­len der Kon­su­men­ten aus­sagt. Und die her­un­ter­la­den­den Per­so­nen sind noch lange nicht ein reprä­sen­ta­ti­ver Aus­schnitt der Gesamt­be­völ­ke­rung.

Dadurch wer­den die voll­kom­men fal­schen Anreize aus­ge­ge­ben, schlim­mer noch als es im der­zei­ti­gen Modell der Fall ist.

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