Zum Hamburger Fingerabdruckgate

In Hamburg gibt es ja gerade.. ja was, einen ausgemachten Skandal, ein Skandälchen, ein bedauernswertes Missverständnis? Fest steht, dass einige Schulen für die Abrechnung und Organisation des Schulessens auf Fingerabdrücke zur Authentifikation zurückgreifen.

Das ist aus rein praktischen Gründen gar nicht mal so blöd: Irgendein Nachweis ob man ein Essen haben darf oder nicht ist erforderlich. Mit Geld soll dabei eigentlich nicht hantiert werden – schon um nicht die Kinder, welche Essensgeldzuschüsse erhalten zu brandmarken. Bei Biometrie können die Kids ihre Essensmarken nicht verbummeln, sondern haben immer „alles dabei“. Auch ist der notwendige Sicherheitsfaktor bei Schulessen sicher nicht so hoch, dass man sich um Betrugsfälle (merke: Fingerabdrücke alleine taugen eher wenig zur sicheren Authentifikation) sorgen machen muss.

Auf der Kontra-Seite stehen wie so häufig grundsätzliche Bedenken: Wollen wir wirklich schon unsere Kinder daran gewöhnen, dass man überall seinen Fingerabdruck abgeben muss? (Ich weise noch einmal darauf hin, dass es recht wenig sinnvolle und sichere Biometrieanwendungen außerhalb der Verbrechensbekämpfung gibt) Und sind wir wirklich sicher-sicher, dass die Daten nicht abhanden kommen? Anders als ein Kennwort kann ich nämlich meine Fingerabdrücke nicht ändern.

Dazu kommt in diesem Fall, dass wohl bei einigen Kindern entgegen den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern die Fingerabdruckdaten in die Datenbank übernommen wurden. Angeblich sogar mit der gegenüber den Kindern ausgesprochenen Drohung , dass sie sonst nichts essen dürften. Sollte das wahr sein, wäre das in der Tat handfestes Skandalmaterial. Was sich aber erst noch zeigen muss.

Mich persönlich regt an der ganzen Sache aber etwas ganz anderes auf. Der Hersteller des Fingerabdruck-Bezahlverfahrens hat mit einer professionellen Pressemitteilung reagiert und sagt zu seinem Verfahren:

Dabei wird keineswegs ein Fingerabdruck genommen und gespeichert. Vielmehr werden sechs Messpunkte an der Fingerkuppe im Computer in eine Zahl umgewandelt, nur diese Zahl ist – anstelle des Schülernamens – gespeichert.

Ach. Dann ist ja alles gut. Nicht! Was der Hersteller da vollmundig als tolle Datenschutzmaßnahme beschreibt ist nämlich tatsächlich genau das Verfahren wie wahrscheinlich 99% aller Fingerabdrucksysteme arbeiten: Man schaut sich den Abdruck an, merkt sich ein paar wichtige eindeutige Merkmale, und wirft den Rest weg. Anwendungsziel ist es ja nicht, zu wissen, wie ein Fingerabdruck ausschaut, sondern einen vorgefundenen Fingerabdruck mittels einer Merkmalsdatenbank einer eindeutigen Person zuzuordnen. Ob ich dazu einen Haufen Bilder oder pro Abdruck sechs Messpunkte speichere ist absolut Banane – im Endeffekt sind die Messpunkte sogar deutlich effizienter.

Diese Verteidigung baut komplett darauf, dass der Empfänger keine Ahnung von Technik hat und lügt ihm dabei fröhlich einen vor. Gnarf.

Piratenbräute…

Markus Kompa hat es gleichzeitig verstanden und nicht verstanden:

 Wenn also bei den Piraten absehbar keine Quote kommen wird, stellt sich die Frage nach Alternativen, um Bewerberinnen zu ermutigen. Mit welchen anderen Maßnahmen ein frauenfreundlicheres Klima erzeugt werden könnte, weiß ich leider auch nicht.

Die Frauenquote ist, wie er ganz richtig erkennt, ein Mittel ein frauenfreundliches Klima zu schaffen. Und dagegen verwehren sich viele Piraten vollkommen zurecht. Denn es geht nicht darum, ein <hier beliebiges Merkmal einsetzen>-freundliches Klima zu schaffen, sondern ein Klima zu schaffen, in dem sich keine Gruppe über Gebühr benachteiligt fühlen muss.

Das ist es denn auch, was ich mit „hat es verstanden“ meine, den er setzt folgenden Satz direkt hinter die obige Aussage:

Man könnte aber wenigstens die hausgemachten Probleme angehen und auf Entgleisungen, wie man sie bisweilen leider beobachten muss, sensibler und entschiedener reagieren.

Genau. Wir müssen auf die Einzelfälle reagieren und Leuten, die andere ausgrenzen oder niedermachen wollen entschieden entgegentreten. Da bin ich sofort für. Aber pauschal die paar die in unserer Partei gar nicht mal so wenig vorhandenen Frauen in den Vordergrund zu schieben, nur damit die über das Vehikel Posten besser sichtbar sind, das hilft niemanden auf Dauer.

Gesetze…

Seit einigen Tagen geht mir ein Gedanke durch den Kopf. Jens Seipenbusch hat offensichtlich ähnliche, denn er fragt im Zeit-Gespräch mit Jan Hegemann:

Warum haben Jugendliche kaum Skrupel, Filesharing zu machen, aber erhebliche, im Laden zu klauen?

Die beiden diskutieren da auf hohem Niveau aneinander vorbei, und im Grunde berühren sie den Gedanken, nur am Rande, aber das Ganze ist schon lesenswert.

Aber diese eine Frage, die legt den Finger in die Wunde. Die Wunde, von der ich spreche ist die Diskrepanz zwischen dem, was von einem signifikanten Teil der Gesellschaft als legitim angesehen wird, und dem, was legal ist.

Unsere Gesetze sind ja nicht Selbstzweck, sondern der in Paragraphen gegossene Konsens darüber, wie wir als Gesellschaft funktionieren wollen. Wir wollen nicht, dass man uns verletzt oder umbringt, daher stellen wir das unter Strafe. Wir finden nichts dabei, wenn sich Leute morgens ein Brötchen schmieren, also ist das erlaubt.  Da wir nicht bei jeder Handlung des täglichen Lebens mit Polizisten, Anwälten und Richtern zu tun haben wollen, sind all diese Gesetze für den Ausnahmefall da, wo wir uns nicht sofort einig sind.

Gesetze sind quasi die Notbremse, die wir ziehen, wenn das normale Miteinander in der Gesellschaft aus irgendeinem Grund gerade nicht funktioniert. Normalerweise gehe ich in den Garten, stelle den Grill auf und mache mir etwas zu essen. Dabei berücksichtige ich nach Möglichkeit, dass der Rauch nicht in das Schlafzimmer meiner Nachbarn zieht. Das mache ich, auch ohne dafür das korrekte Gesetz zitieren zu können, weil das einfach so Konsens ist. „Das macht man so“.

Problematisch wird es, wenn der kodifizierte, in Gesetze gegossene Konsens von dem Empfinden der Menschen abweicht. Irgendwann haben wir zum Beispiel aufgehört, Ehebruch unter Strafe zu stellen, bis das aber soweit war, gab es viele Konflikte. Der Konsum von „weichen“ Drogen ist auch so ein Fall, wo wir gerade mitten im Umbruch sind.

Und der ganze Themenkomplex Urheberrecht eben auch. Da gibt es ganz offensichtlich einen tiefen Bruch im „Gerechtigkeitsempfinden“. Diesen jetzt mit dem Verweis auf die Gesetzeslage wegwischen zu wollen hilft niemanden. Denn das Problem ist ein soziales, wir haben einen fehlenden Konsens darüber, was gerecht ist. Diesen Konsens müssen wir wieder herstellen, ansonsten ist jedes Gesetzesvorhaben von vornherein gescheitert.

Christen in der Piratenpartei?

Was so gerade bei mir vorbeischwimmt: Christen in der Piratenpartei.

Mein erster Gedanke war „WTF?“. Mein zweiter war: „je nu, wenn das ihr Glaube ist, dann kann und will ich denen den nicht verbieten.“ Vor dem dritten und vierten Gedanken las ich dann erst einmal deren Manifest. Dort findet sich, verpackt in einigen Anrufungen von Jesus und Gott, klare Bekenntnisse zu einer Trennung von Kirche und Staat, eine Anerkennung anderer Religionen und auch ansonsten piratische Positionen.

Insofern mag ich nichts tiefer Verwerfliches dort finden, dennoch bleibt ein gewisses Magengrummeln: Ich bin Atheist, und die wiederholten nahezu lobpreisenden Verweise auf Jesus Christus sind mir in meinem politischen Klub doch eher suspekt.

Einen Shitstorm möchte ich hier auf keinen Fall aufziehen sehen. Die Vertreter dieser Initiative scheinen mir zu zivilisiert aufzutreten, als dass sie das verdient hätten, auch wenn mir das Adjektiv „postsäkular“, dass sie im Wikieintrag unserer Gesellschaft anhängen wollen, nicht ganz schmeckt.

Dennoch: Die Idee eines aktiven Zusammenschluss von Religiösen (egal welcher Religion) innerhalb der Piratenpartei zum Zwecke, die Ansichten dieser Religion irgendwie in Position zu Parteientscheidungen zu bringen halte ich für ganz schlecht. Ich werde keine Entscheidung mittragen können, die an irgendeiner Stelle mit „Religion $Foo sagt. das soll man so machen“ begründet wird. Entweder wir finden für einen Standpunkt komplett religionsfreie Argumente, oder wir können ihn nicht vertreten, Punkt.

Das bedeutet natürlich nicht, dass eine irgendwie geartete Diskriminierung religiöser Piraten toleriert werden soll. Aber religiöse Argumente haben in der Partei nichts zu suchen. Daher, liebe Anhänger jeglicher Religion in meiner Partei: Glaubt was Ihr wollt. Aber bittte, macht Politik so, als wenn Ihr Atheisten wäret. Denn wenn Euch das nicht gelingt, werden Eure Vorschläge unweigerlich an irgendeiner Stelle mit einer anderen Religion oder Weltanschauung kollidieren.