Christen in der Piratenpartei?

Was so gerade bei mir vorbeischwimmt: Christen in der Piratenpartei.

Mein erster Gedanke war „WTF?“. Mein zweiter war: „je nu, wenn das ihr Glaube ist, dann kann und will ich denen den nicht verbieten.“ Vor dem dritten und vierten Gedanken las ich dann erst einmal deren Manifest. Dort findet sich, verpackt in einigen Anrufungen von Jesus und Gott, klare Bekenntnisse zu einer Trennung von Kirche und Staat, eine Anerkennung anderer Religionen und auch ansonsten piratische Positionen.

Insofern mag ich nichts tiefer Verwerfliches dort finden, dennoch bleibt ein gewisses Magengrummeln: Ich bin Atheist, und die wiederholten nahezu lobpreisenden Verweise auf Jesus Christus sind mir in meinem politischen Klub doch eher suspekt.

Einen Shitstorm möchte ich hier auf keinen Fall aufziehen sehen. Die Vertreter dieser Initiative scheinen mir zu zivilisiert aufzutreten, als dass sie das verdient hätten, auch wenn mir das Adjektiv „postsäkular“, dass sie im Wikieintrag unserer Gesellschaft anhängen wollen, nicht ganz schmeckt.

Dennoch: Die Idee eines aktiven Zusammenschluss von Religiösen (egal welcher Religion) innerhalb der Piratenpartei zum Zwecke, die Ansichten dieser Religion irgendwie in Position zu Parteientscheidungen zu bringen halte ich für ganz schlecht. Ich werde keine Entscheidung mittragen können, die an irgendeiner Stelle mit „Religion $Foo sagt. das soll man so machen“ begründet wird. Entweder wir finden für einen Standpunkt komplett religionsfreie Argumente, oder wir können ihn nicht vertreten, Punkt.

Das bedeutet natürlich nicht, dass eine irgendwie geartete Diskriminierung religiöser Piraten toleriert werden soll. Aber religiöse Argumente haben in der Partei nichts zu suchen. Daher, liebe Anhänger jeglicher Religion in meiner Partei: Glaubt was Ihr wollt. Aber bittte, macht Politik so, als wenn Ihr Atheisten wäret. Denn wenn Euch das nicht gelingt, werden Eure Vorschläge unweigerlich an irgendeiner Stelle mit einer anderen Religion oder Weltanschauung kollidieren.

13 Gedanken zu „Christen in der Piratenpartei?

  1. hallo Christian, oder soll ich aus gegebenem Anlass lieber Jolly schreiben ;)
    Überraschung, ich finde eine christliche Gruppe in der Partei auch eher bedenklich. Wenn es wenigstens übergreifend religiös wäre, Anhänger verschiedener Religionen, die ihre Weltanschauung verteidigen, ohne zu missionieren, so eine AG bei den PP könnte ich eher akzeptieren. Uns irgendeinen christlichen Hauch zu verpassen, muss nicht sein. Unsere Ziele und Argumente sind zwar ideell, müssen aber pragmatisch umgesetzt und begründet werden.

  2. Ganz so eng sehe ich das nicht. Wenn aus so einem Kreis ein Antrag nach dem Schema „$GuteIdee weil $GöttlicheEntität es so will“ würde ich dem durchaus zustimmen können und bloß die religionsbezogenen Verweise aus dem Text streichen wollen.

    Wobei ich bei sanfteren Formulierungen wie z.B. „gebietet die christliche Nächstenliebe“ auch dann zustimmen könnte, wenn die Streichung dieses Passus keine Mehrheit fände.

    Ich bin btw eher der Typ Agnostiker: Ich weiß nicht ob es einen Gott gibt und es ist mir eigentlich auch egal. ;)

  3. wenn der Antrag auch ohne religiöse Begründung gut ist, dann ist der natürlich immer noch gut. Dann würde ich, wie Du, da den entsprechenden Passus streichen und gut ist. Es geht ja auch darum, genauso Nicht-Christen (Moslems, Juden, Buddhisten, Wicca, etc.) genauso einzubinden.

  4. Hi, du schreibst „Anru­fun­gen von Jesus und Gott“. Meinst du nur deren Nennung? Ich hab das gelesen und weiß nicht genau, was du damit sagen willst. Grüße

  5. Ja, ich hab genau diese Seite gelesen. Ja, die Namen werden paar mal genannt. Allerdings nie in der Art: „Dusollst“ oder „Du sollst nicht“, wobei das ja auch wieder nur Ausdruck dessen wäre, was sie wollen. Und das klang mir jetzt beim Lesen sehr weltoffen und in den weitesten Teilen piratig.

  6. Vielen Dank für den fairen Umgang damit.
    So wie es aussieht, haben wir nebenbei einen klitzekleinen Diskurs angestoßen, und ich bin erfreut, in der für mich richtigen Partei zu sein, wo verschiedene Menschen so tolerant miteinander umgehen können.

    Wenn wir irgendwo an Anträgen mitarbeiten sollten, dann als wir jeweils selbst, nicht im Namen der CidPP. Das wäre mindestens kontraproduktiv. :-)
    Wir machen damit quasi nur unseren Hintergrund, und Weltbild transparent. Deshalb ist diese Gruppe auch nur auf diese eine Religion beschränkt. Spricht ja nichts gegen alle anderen Arten von Gruppen.

    Aus einem Antrag von anderen würde ja sogar ich einen Gottesbezug entfernen wollen. Bei der Politik ist wohl ebenso ein „methodischer Atheismus“ gefordert, wie in der Wissenschaft. Das heisst aber auch nicht, dass die nichtmethodische atheistische Position eine neutrale sei.

    Ein Antrag sollte nicht „$Religion sagt $Foo“ enthalten. Aber im Gegenzug — wie du es ja hier quasi auch anklingen lässt — sollte $Foo nicht allein deshalb abgeleht werden, weil ein oder mehrere Religionen das ebenfalls zum Inhalt haben. Es muss immer $Gründe geben, für die sich im Konsens geeinigt wird.

    Es gibt halt hin und wieder Anträge, da würde ich — wie ich hoffe ohne den Sinn zu verfälschen — die ein oder andere Umformulierung vorschlagen, da ich besser empfinden kann, ob Christen sich damit sinnlos angegriffen fühlen würden. Und das wird wohl kaum das Ziel der Piraten in absehbarer Zeit werden.

  7. Meine Meinung mag in ihren Ohren ketzerisch klingen. Aber ich bin Jesus Christus zutiefst dankbar für sein Leben und die Werte, die er vertritt. Würde es eine Partei geben, die ebenfalls diese Werte vertritt und sich zu Gott und seinem Sohn bekennt, so könnte ich mir nichts besseres vorstellen. Deshalb bin ich auch genau in der Kirche in der ich bin, nämlich der Kirche von Jesu Christi. Und ich möchte noch weiter gehen. Es wird die Zeit kommen, da Jesus Christus wieder auf diese Erde zurückkommen wird, um zu regieren. Die Regierungsform wird dann dem entsprechen, wie wir in unserer Kirche zurzeit leben.

  8. Ketzerisch klingt das schon einmal gar nicht — schließlich bin ich ja auch nicht gläubig. Und ich habe auch sicherlich kein Bedürfnis anderen ihren Glauben irgendwie zu verbieten. Wenn jemand glücklich damit ist, dann soll er oder sie doch. Nur möchte ich verschont bleiben.

    Und solange die kirchlichen Regierungsformen auf die Zeit nach der Ankunft Christi beschränkt bleiben, habe ich auch damit kein Problem. Allerdings bin ich mir auch recht sicher, dass ich diese Zeiten nicht erleben werde.

  9. Fear Not! ist ein tolles Kirchenlied (bitte nachschlagen) und Religion kann auch Power geben. Ernst gemeintes Christentum kann auch Piraten Kraft geben. Unsere Kirchen haben genügend sozialliberales Potential, vor allem die protestantischen. Macht nicht den Fehler, Christen pauschal als rechtskonservativ / strukturkonservativ einzustufen. Jesus hatte sicherlich ein anderes Weltbild als die heutige CDU. Gott stellt uns immer wieder auf die Probe, ist aber auf der Seite der Guten und Gerechten.

  10. Du, mir geht es an dieser Stelle gar nicht darum, welchem Weltbild Christen, Moslems, Juden, Buddhisten oder sonstwer anhängen. Ich will auch niemanden verbieten Kraft aus dem eigenem Glauben zu schöpfen. Das einzige, was ich möchte, ist dass politische Entscheidungen komplett ohne religiös motivierte Argumente begründet und durchgesetzt werden.

  11. Bin selbst kein Pirat, sondern nur Wähler, aber ich muss sagen, dass es mich beruhigt zu sehen, dass es auch Christen bei den Piraten gibt. Manche Verlautbarungen aus der Partei liessen mich schon befürchten, daass es weniger um freies Internet als um Angriff auf die Religion ginge.
    Was die Begründungen angeht: Man kann eine Sache verschieden begründen, ob über Gott, ne bestimmte Schrift oder ne andete Autorität, wie die „atheistische Methode“, die oben genannt wurde. Für manche Menschen ist Gott nicht überzeugend, für. andere überzeugt ein „gottloses“ Argument nicht. Die CidPP könnten das Interface der Piraten für eher christlich-konservativ geprägte Kreise sein, denn vom Grundsatz her sind da sehr viele piratige Positionen durchaus vertretbar, nur muss man sich die Mühe machen, sich diese Zielgruppe auch erschliessen zu wollen. Daher finde ich es schade, dass beim diesjährigen Kirchentag zwar jede Menge Parteien einen Stand haben werden (auch kirchenfernere Parteien wie FDP und Linke), aber eben mal weder keine Piraten, dabei könnte man dort ganz einfach mit ähnlich gesinnten, aber bisher unerreichten Gesellschaftsschichten in Kontakt kommen…

  12. Genaugenommen wird diese Politik an Deiner atheistischen Weltanschauung kollidieren und nicht an dem, was die Piraten wollen, nämlich einen religiös neutralen Staat. Inwieweit man abendländische Werte als christlich bezeichnen will zeigt sich genau in dieser Problematik, wo es darum geht, wer hier wen bevormunden will.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.