Grubmah Oidar, Ritter des Kultes der 9 Altare

Ritter des Kultes der 9 Altare. Einer meiner ersten Texte dieser Art.

Wie Oidar zu seinem Namen kam

Bauer Oswald schaute von seiner Arbeit hoch. Seine Knechte hatten ihn natürlich viel eher gehört als er, aber seine Ohren waren nun mal nicht die besten. „Dein Sohn hat wirklich eine gute Stimme Bauer!“ rief Dilb sein Altknecht herüber, „Wir sind nun schon eine Stunde weit vom Dorf, und man kann ihn immer noch hören.“ Das stimmte wirklich. Man konnte die Stimme seines 2 Wochen alten Kindes zwar nur noch leise vernehmen, aber nichtsdestotrotz recht deutlich. 

„Die armen Frauen im Dorf!“ dachte Oswald bei sich, „Sie müssen unter dem Geschrei ja richtig leiden.“ Laut rief er: „Wir sollten heute besonders freundlich zu unseren Weibern sein, wenn wir heute spät nach Hause kommen. Sie könnten sonst auf die Idee kommen, an unserer Stelle das Feld zu bestellen, und uns im Dorf zu lassen“ 

Bei der Vorstellung, einen ganzen Tag in unmittelbarer Nähe der Stimme von Oswalds Sohn zu verbringen, ließ die Männer für kurze Zeit innehalten. Aber die Vorstellung von ihren Frauen bei der Feldarbeit ließ sie auflachen. Als Oswald am Abend sich neben seine Frau legte, erzählte er ihr vom weitreichenden Organ ihres Sprößlings. 

„Ich glaube ich weiß jetzt, wie wir unseren Erstgeborenen taufen werden.“ verkündete Heppe ihm, „Wie wärs mit Grubmah Oidar?“ 

Oswald rief sich seine Kenntnisse der alten Sprache in sein Gedächtnis.„Der in der Ferne singt? Ja, das paßt zu ihm.“ 

Der Commferr

„Seht ihr den Jungen da drüben? Das ist Oidar.“ Tenniel zog den Commferr ins Freie. Er deutete auf eines der raufenden Kinder. Der blonde Bauernsohn auf den er zeigte war eindeutig der Mittelpunkt der Rauferei. 

„Und das ist der gelehrige Schüler, der soviel Wissensdurst hat?“ fragte der Commferr amüsiert, „Der, der so für den Kult geeignet wäre?“ „Nun, Ihr solltet ihn mal erleben, wenn er Hand an ein Buch bekommen kann.“, entgegnete Tenniel. 

„Er kann lesen? Jetzt schon?“ Ungläubig betrachtete der Commferr die Kinder. Oidar schien den Streit durch Körperkraft für sich entschieden zu haben. Überraschenderweise reichte er sogar dem Verlierer die Hand, und schien keineswegs noch Böse auf ihn zu sein. 

„Ja, sogar schon seit einer ganzen Weile, und schreiben kann er auch. Wartet!“ Tenniel suchte aus den Taschen seines Umhanges ein Bündel Papier heraus. Er ging es Blatt für Blatt durch. 

„Augenblick, ich habe hier irgendwo etwas von ihm. Er hat Teile der Dorfgeschichte abgeschrieben, als Übung. Ah, hier!“ Er reichte dem Commferr ein Blatt, daß mit einer großen, gemalten Handschrift bedeckt war. Ein paar Fehler waren durchgestrichen, und das Gesamtbild erweckte nicht gerade den Eindruck des Werkes von einem angehenden Schriftgelehrten. 

Was Tenniel verschwieg, war, wie schwer er es hatte, bis Oidar das zustandegebracht hatte. Der Junge interessierte sich nämlich eigentlich gar nicht für diese gelehrten Dinge, sondern war vielmehr von glänzenden Rüstungen, strahlenden Helden und dergleichen mehr fasziniert. Aber Tenniel war immer davon überzeugt, daß in dem Jungen ein großes Potential stecken würde. Oidar wird die Tempelschule besuchen, ob er will oder nicht! 

„Hmmm… interessant, und das ist euer bester Schüler?“ überzeugt war der Commferr von der Eignung Oidars immer noch nicht, das merkte Tenniel. Aber er schuldete ihm noch einen Gefallen aus alten Zeiten, und wenn Tenniel den Commferr um etwas bittet, kann dieser schlecht nein sagen. „Ja, Commferr. Oidar mag zwar manchmal ein wenig eigensinnig sein, aber ich weiß genau, er wird es zu etwas bringen. Außerdem,“ fügte Tenniel verschwörerisch hinzu, „es heißt, daß seine Familie mit der des Königs verwandt sei.“ 

Der Commferr lächelte bei dieser Bemerkung. Tenniel war schon immer vernarrt in die Monarchie gewesen. Er dachte wahrscheinlich, daß solche Bindungen bei dem Kult etwas zählten. Aber trotzdem: Einen Verwandten des Königs als Ritter des Kultes (als Gelehrten konnte er sich Oidar beim besten Willen nicht vorstellen) könnte sich als Vorteilhaft erweisen. — Er sollte diese Behauptung Tenniels bei Gelegenheit mal überprüfen. 

„Nun, wenn ihr mich so eindringlich darum bittet, kann ich ihn gerne mal mit zum Tempel nehmen. Dort wird man feststellen ob er geeignet ist.“ 

Wider die Götter

„Bedecke Deinen Himmel Crom,
mit Wolkendunst,“
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
um dessen Glut
Du mich beneidest.“ 

Mein Name ist Oidar Grubmah, ich bin Knappe des Ritters Deiar Onn des Kultes der Neun Altare. Es wird mir gelehrt, die Götter zu verachten, sie geringzuschätzen, und mich auf meine eigenen Kräfte zu besinnen. 

„Ich kenne nichts ärmeres unter der Sonn als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.“ 

Man bringt mir bei, daß die Götter nutzlos seien, daß trotz ihrer Versprechungen, mir ihre Hilfe nie sicher ist. Und gleichzeitig sehe ich durch die Straßen der Hauptstadt gerade diese Götter stolzieren. Sie erscheinen als mächtige, gütige Wesen, die die Stadt unter ihren Schutz stellen. Meine Lehrer strafen mich, wenn ich nicht tue, was sie sagen, den Göttern scheint das egal zu sein. 

„Da ich ein Kind war, nicht wußte, wo aus noch ein,
Kehrt ich mein verirrtes Auge
zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu Hören meine Klage,
ein Herz wie meins,
Sich des bedrängten zu erbarmen.“ 

Warum soll ich die Götter nicht achten? Sie erscheinen mir als gut, es ist beruhigend sie um sich zu wissen. Es ist für sie doch eine Leichtigkeit uns zu helfen, sie werden es sicher tun. 

„Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?“ 

Um das Rätsel zu lösen, muß ich das Wesen der Götter genauer studieren. Ich muß verstehen, was für Kreaturen sie sind, welche Beweggründe ihr Leben bestimmen. Wir können davon ausgehen, daß sie Wesen mit vielen Übernatürlichen Kräften sind. Sie sind stärker als wir, geschickter, klüger und haben unglaubliche magische Fähigkeiten. 

Diese Fähigkeiten sind zahlreich, aber man kann nicht davon ausgehen, daß die Götter omnipotent sind, oder gar alles wissen. Wäre das der Fall, würden sie die Welt längst beherrschen. 

Nehmen wir Crom: Diesen Gott des Kampfes und der Jagd sieht man häufig in ländlichen Gegenden. Er ist dort auf der Jagd nach Riesen, Ungeheuern oder Ähnlichem. Man kann sagen, er lebt für sein Vergnügen, da die Jagd wohl seine Leidenschaft ist. 

Und was bringt uns nicht-Göttern diese Jagd? Erhalten wir die Beute? Oder werden wir von Ungeheuern, die uns bedrängen befreit? Nein, Crom jagt nur für sich, seine Beute sucht er sich in den entlegensten Gebieten. Schlimmer noch: Erst durch Croms Jagd kommen manche Riesen erst in die Dörfer! 

Aber können wir Crom das verübeln? Er ist ein Gott, niemanden Rechenschaft schuldig. Die Belange der Elfen, Felidae, Menschen, Zwerge und Orcs brauchen ihn nicht zu kümmern. Sie können froh sein, wenn er sich ihrer annimmt. Aber meistens ist er wohl zu beschäftigt, als das er solche Dinge erledigen kann. Wie soll er sich auch um all diese Probleme kümmern, er kann nicht überall sein. Wenn Crom wollte, könnte er eine Menge Leid beenden, viele Probleme lösen. 

Wenn er wollte. 

„Hast Du nicht alles selbst vollendet,
heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?“ 

Nein, wenn wir Hilfe habe wollen, müssen wir uns selber helfen, auf die Götter ist kein Verlaß. Nicht weil sie uns böswillig schaden wollen, sondern weil sie uns einfach nicht so helfen können, wie wir es gerne hätten. Vielmehr: Sie verwenden ihre Macht auf Dinge, die wir nicht verstehen können, die uns nichts nützen. Es mag sein, daß auch diese Dinge notwendig sind, doch mir scheint, daß sie mehr dem Vergnügen der Götter dienen, als unser Los zu erleichtern. 

„Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
hast du die Tränen gestillet
Je des Geängstigten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?“ 

Wir können uns nur auf uns selbst verlassen. Die Götter sind zu launisch, zu groß, als daß sie uns nützen können. Und wenn jeder sein Leben betrachtet, wird er feststellen, daß alle Erringungen von einem selbst vollbracht wurden. 

„Wähntest du etwa
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle
Blütenträume reiften?“ 

Wir brauchen die Götter deswegen nicht zu hassen, sie sind einfach so wie sie sind. Genau wie Orks, Dragos, Felidae oder Obsidianer haben auch sie ihre Eigenheiten und Fehler.

Hier sitz ich, forme Menschen
nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!“ 

Der Kult der Neun Altare will die Götter nicht stürzen. Er rückt sie nur an den Platz, an den sie gehören. Die Menschen müssen lernen, sich selbst zu vertrauen und den Tatsachen ins Auge zu sehen. Die Götter tun nichts, und haben nichts getan, was Gebete, Opfergaben und Hingebung rechtfertigt. Sie sind Wesen großer Macht, doch endet diese bei dem Glauben der Menschen. 

Grubmah Oidar 
Ritter des Kultes der Neun Altare 

Ein Abschied?

„Oidar, wo steckst Du denn?“ 

Die vertraute Stimme Anures drang langsam an Oidar Ohr. Er saß an seinem Lieblingsplatz, einem Erker des Tempels. Hier fand er wenigstens manchmal etwas Ruhe vor seinen Ausbildern, die ihn immer ermahnten, dieses oder jenes noch zu tun. Aber das war jetzt bald Vergangenheit. 

„Oidar, wo bist — Ah, hier hast Du dich versteckt!“ Anure hätte ihn beinahe übersehen, wie er da im Erker saß und aus dem Fenster schaute. 

„Ich habe es gerade gehört, deine Zeit als Knappe ist bald vorbei!“ 

Oidars Blick löste sich langsam vom Treiben auf dem Platz vor dem Tempel. Er sah Anure an, seine schöne Anure. Sie war Novizin hier, und seit einem Jahr seine Geliebte. Bisher hatten sie ihre Beziehung geheimgehalten. Nicht, daß Bindungen zwischen knappen und Novizinnen verboten seinen, aber gern gesehen wurde es auch nicht, da die Obersten befürchteten, daß die Ausbildung darunter leiden könnte. 

Aber auch das Würde bald Vergangenheit sein. Aber Anure, wie sollte er es ihr begreiflich machen. Würde sie es verstehen? 

„Ja Anure, morgen beginnen meine Schwüre. Und in einer Woche bin ich ein Ritter des Kultes der Neun Altare. Und dann werde ich alle diese Schwöre einhalten, und dem Kult und meiner Familie keine Schande machen.“ 

„Aber weswegen schaust Du dann so traurig, das ist doch das was Du dir so gewünscht hast. Deine Familie hat Dir sogar ein Geschenk geschickt, komm Du mußt es Dir ansehen!“ 

Anure zog ihn mit beiden Händen hoch und in Richtung seiner Kammer. Grubmah wußte nicht, was er sagen sollte. Anure freute sich so, wie könnte er ihr Glück nur zerstören, wie könnte er nur diese Eide ablegen. 

Wie in Trance folgte er ihr in seine Kammer. Dort lag ein blitzender Zweihänder, erstklassige Arbeit. Als Grubmah ihn anhob sah er, daß ein Brief daran befestigt war. 

„für Grubmah Oidar, den ersten Ritter aus dem Dorfe Mittenhain“ stand dort zu lesen. „Wahrscheinlich haben sie alle für mich gesammelt, nur um dieses Schwert zu bezahlen.“ sagte er, mehr zu sich als zu Anure, „Wie kann ich sie enttäuschen, und nicht Ritter werden?“ 

Anure lehnte sich an ihn. „Du wirst prächtig aussehen, mit Deiner Rüstung und diesem Schwert. Ich werde platzen vor Stolz, daß Du mein bist!“ 

Aber wenn er ihr einfach sagen würde, daß sie nur 9 Jahre auf ihn warten mußte, daß würde sie doch verstehen. Sie würde doch verstehen, daß die Pflicht zuerst kommt, und er erst diese Zeitspanne verstreichen lassen muß, bevor er heiraten darf. Sie muß doch verstehen, daß er sie solange nicht lieben darf, wie er seine Verpflichtung dem Kult gegenüber hat. 

Sie muß das einfach verstehen.

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